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Ku Klux Klan recovery

Es gibt mehrere interessante Theorien zum Namensursprung des Ku Klux Klans. Zum einen wird auf den griechischen Ursprung des Wortes „kyklos“, dem griechischen Begriff für Kreis, hingewiesen. Verfechter dieser These heben hervor, dass das entsprechende englische Wort „circle“ synonym für einen geheimen Zusammenschluss, also einen Zirkel von Eingeweihten, verwendet werden kann. Das Wort Klan fügte man hinzu, weil ursprünglich alle Mitglieder schottischer Abstammung waren. Nach einer weiteren Theorie ist der Name Ku Klux Klan dem Geräusch beim Spannen eines Gewehrhahnes nachempfunden.

kkk-symbolEs gibt über 40 KKK-Gruppen in den Vereinigten Staaten, die jeweils in mehrere Chapters unterteilt sein können. Durch die Fragmentierung in mehrere „Fraktionen“ kann man streng genommen nicht von dem KKK sprechen. Insgesamt geht man von 3-5000 Klanmitgliedern aus.
Während der KKK im 19. Jahrhundert auf Symbole verzichtete, ist die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Klan verwendete Symbolik nicht endgültig geklärt. Strittig ist hier vor allem, ob ein abgeschrägtes (x) oder ein gerade stehendes Kreuz (+) üblich war. Ersteres würde für eine Bezugnahme auf die konföderierte Kriegsflagge sprechen, ein gerade stehendes Kreuz könnte auf den Einfluss der Kreuzritter hinweisen. Neben diesen Symbolen war die amerikanische Flagge ein oft verwendetes Zeichen.
Das heute benutzte Symbol des KKK (siehe Abb. oben) zeigt ein von einem roten Kreis umschlossenes Kreuz, in dessen Mitte ein Blutstropfen zu sehen ist. Hier soll ein brennendes Kreuz dargestellt werden, welches, so die Interpretation der Bezipfelten, für das Licht Jesu Christi stehe. Der Tropfen in der Mitte symbolisiert das Blut, das für ________________ (irgendwelchen Dünnschiss einsetzen) steht.

Die Anti-Defamation League (ADL) stellte 2002 in einem Bericht über „Extremism in America“ fest:

Today, there is no such thing as the Ku Klux Klan. Fragmentation, decentralization and decline have continued unabated. (Wikipedia)

Diese Einschätzung scheint keine allzu langfristige Gültigkeit besessen zu haben, denn heute berichtet die ADL über den jüngsten Aufschwung des Ku Klux Klans. Die noch vor einigen Jahren in der Bedeutungslosigkeit versunkene Vereinigung scheint gerade im letzten Jahr deutlich erstarkt zu sein.
Besonders die in den USA geführte Debatte zur Immigration wird vom Klan aufgegriffen und instrumentalisiert.

The KKK believes that the U.S. is „drowning“ in a tide of non-white immigration, controlled and orchestrated by Jews, and is vigorously trying to bring this message to Americans concerned or fearful about immigration. (ADL)

Die Konzentration auf dieses Thema gleicht der politischen Schwerpunktsetzung zu Beginn des 20. Jahrhunderts also exakt.
Auch in organisatorischer und struktureller Hinsicht widersetzt man sich der eigenen Irrelevanz – bislang erfolgreich. Bereits bestehende Gruppen haben ihre Aktivitäten wieder aufgenommen und intensiviert, es wurden aber auch völlig neue Gruppen gebildet. Außerdem wurden teilweise Kooperationen mit anderen Neonazi-Gruppen eingegangen – die ideologischen Schnittstellen bestehen ja ohnehin. Hervorzuheben ist hier die enge Zusammenarbeit mit der größten neonazistischen Hate Group der USA, dem National Socialist Movement.
cartmanKKKDer Bericht macht auch deutlich, dass die lustigen Zipfelmützen bald der Vergangenheit angehören könnten (besonders zu empfehlen ist vor diesem Hintergrund die Slideshow mit Bildern von KKK-Veranstaltungen):

Although some Klansmen may still hold cross-burnings dressed in robes and hoods, today’s young Klansmen are more likely to look virtually indistinguishable from racist skinheads or neo-Nazis. (ADL)

Am deutlichsten wird die Annäherung zur „klassischen Neonaziszene“1 bei den aus Kentucky stammenden Imperial Klans of America. Diese Gruppe veranstaltet mit dem Nordic Fest eine der größten rechten Musikveranstaltungen der USA, bei der sich bis zu 50000 Wirrköpfe einfinden. Letztes Jahr hat man erstmals Blood & Honour als Mitveranstalter verpflichtet.

  1. Bei der, das sei nochmal betont, in ideologischer Hinsicht kein weiter Weg zurückzulegen ist. [zurück]

Die neuen Kreuzritter

In seinem vierteljährlichen „Intelligence Report“ berichtet das Southern Poverty Law Center (SPLC) dieses Mal unter anderem über die steigende Zahl radikal-traditionalistischer Katholiken in den USA.

Der Artikel „The New Crusaders“ stellt zwölf katholische Hate Groups vor. Die dem „dreckigen Dutzend“ zugehörigen Gruppen tragen klingende Namen wie „Tradition in Action“ oder „Catholic Counterpoint“ und könnten

the single largest group of hard-core anti-Semites in America (SPLC)

darstellen – wenn man von einer geeinten Bewegung sprechen könnte. Obwohl viele Gruppen in Kontakt zueinander stehen, ist die Szene durch ständige Auseinandersetzungen zersplittert.

Eine Ausnahme bildet die „Society of St. Pius X“ (SSPX). Sie wurde in den 70ern als ein Priesterseminar in der Schweiz vom französischen Erzbischof Marcel-François Lefebvre gegründet. Mittlerweile hat es die SSPX in den USA auf 103 Kapellen und 25 Schulen gebracht, in denen die 30.000 US-amerikanischen Anhänger sich das übliche Gewäsch aus Hasstiraden, Verschwörungstheorien und Holocaustleugnung anhören.1
Lefebvre hat sich oft und ausgiebig mit dem Vatikan angelegt (er wurde 1988 von Johannes Paul II exkommuniziert), mit der Zeit bekam SSPX den Charakter einer katholischen Sekte. Benedikt XVI wollte die verlorenen Seelen letztes Jahr anscheinend noch unter das Dach der katholischen Kirche holen:

In recent months, Pope Benedict XVI has extended an olive branch to SSPX members, inviting them to return to the church. But the sect’s leaders rejected the suggestion outright. As a result, Benedict last September approved an institute for French priests who left the movement. The pope’s move marked the effective end to efforts by the Vatican to bring the SSPX sect back into the Catholic fold. (SPLC)

Eine „Priesterbruderschaft St. Pius X“ gibt es übrigens auch in Deutschland.

  1. Beispiel? Ein 1997 in „The Angelus“ (veröffentlicht bei SSPX-Press) erschienener Artikel: „The Mystery of the Jewish People in History„.[zurück]

Public Enemy Number 1?

In der südkalifornischen Punkszene bildeten einige Kids der weißen Mittelklasse Mitte der 80er Jahre die Gruppe Public Enemy Number 1 (PENI). Der Name war eine Anlehnung an die britische Anarcho-Punkband Rudimentary Peni.

In einer groß angelegten Razzia in Südkalifornien nahm die Polizei im Dezember letzten Jahres 57 Mitglieder eben jener Gang fest. Auslöser der Razzia waren Informationen über eine „Hit List“, nach der ein Staatsanwalt und fünf Polizisten ermordet werden sollten. Nach zehnmonatigen Ermittlungen hofft man nun die steigende Gefahr, die von der rechtsextremen Gang ausgeht, eingedämmt zu haben. Das kalifornische Justizministerium bezeichnet PENI als

one of the most powerful and fastest-growing gangs inside and outside prison. (California Department of Justice – Organized Crime in California 2004, 7)

Ein besonderes Gefahrenpotential ist demnach in der massiven Expansion dieser Gang zu sehen:
Im Gegensatz zur eher kriselnden Aryan Brotherhood schaffte PENI es, die Mitgliederzahl von 2003 bis 2005 von 200 auf 400 zu verdoppeln. Für offizielle Seiten ist es jedoch schwer, genaue Mitgliederzahlen zu ermitteln. Durch den ideologischen und organisatorischen Hybridcharakter von PENI gibt es viele personelle Überschneidungen mit anderen rassistischen Gangs, was teilweise zu doppelten Mitgliedschaften in verschiedenen Organisationen führen kann. Hier kommt ein weiterer Aspekt ins Spiel, der die Neonazigang so gefährlich macht: Bei PENI werden verschiedene kriminelle Bereiche vermischt.
Die Aktivitäten der Gang erstrecken sich vom Handel mit Methylamphetaminen und anderen Drogen1 über Wirtschaftskriminalität bis hin zu Attentaten und Morden. Mittlerweile agiert PENI auch in Gefängnissen, bislang jedoch lediglich als Fußvolk der, dort trotz allem anscheinend immer noch dominanten, Aryan Brotherhood. Der dritte Faktor für die Gefahr, die von der Neonazigang PENI ausgeht, ist neben ihrem rasanten Wachstum und ihrem breit angelegten kriminellen Tätigkeitsspektrum also ihre Fähigkeit, sowohl auf den Straßen als auch hinter Gefängnismauern aktiv zu sein. Dies ist unter anderem möglich, weil viele weibliche Mitglieder als „working bees“ die Geschäfte weiterführen, während die männlichen Mitglieder einsitzen.

An unusual hybrid of a racist skinhead gang, a street gang, and a prison gang, PENI has grown considerably in California, where it originated, and has even spread to nearby states. […]
Its mercenary and criminal nature, coupled with a white supremacist ideology and a subculture of violence, makes it a triple threat, both to law enforcement and to the public at large. (ADL)

Momentan ist PENI noch nicht der „Public Enemy Number One“, aber die Mitglieder arbeiten hart daran, es zu werden. Wie weit sie durch die Razzia im Dezember zurückgeworfen wurden und inwiefern ein Bündnis mit der Aryan Brotherhood diesem Zweck dienlich ist, bleibt fraglich.

  1. Auch die Mitglieder der Gang selbst sind oft drogensüchtig und werden deshalb manchmal „needle Nazis“ genannt. [zurück]

Synergieeffekte nutzen

Momentan habe ich einfach keine Zeit für eigenen Content, deswegen hier einige Empfehlungen:

- Die Jüdische schreibt über die neu gegründete rechtsextreme Fraktion im Europaparlament:

Und so befinden sich die rechtsextremen Parteien, die an der neuen Fraktion teilnehmen in einer wahren Zwickmühle, zuhause in ihren Ländern erklären sie ihren erbosen Gesinnungskameraden, in Brüssel hätten sie sich nur deswegen in eine Fraktion begeben, um die Vorteile zu genießen, in Wirklichkeit handle es sich doch nur um eine technische Fraktion. In Brüssel wiederum erklären sie feierlich, eine gemeinsame Politik betreiben zu wollen. (Die Jüdische)

- Die NZZ interviewt den Tenorsaxophonisten Sonny Rollins anlässlich seines neuen Albums „Sonny Please“:

Leute fragen mich oft: Sonny, wie improvisierst du eigentlich? Und ich antworte dann: Ich improvisiere gar nicht selber. Ich bereite mich zwar gut vor, ich lerne die Songs, die Harmonien von Stücken, die ich vortragen will. Dann gehe ich aber auf die Bühne und lasse die Musik sich selbst spielen. (NZZ)

- Weltkritik analysiert den antideutschen Jargon am Beispiel des Blogbeitrags „Rauchen als Verkehrung“ bei nichtidentisches:

Das Äquivalent zur Abschaffung des Kapitals, der radikale Bruch mit dem Bestehenden, die gesellschaftliche Tat, der Ausbruch aus Abhängigkeit und repressiver Toleranz – gemeint ist der Umzug in eine Nichtraucherwohnung. (weltkritik)

Der Anwalt der Deutschen

In der Welt ist gestern ein Artikel erschienen, der sich mit den kürzlich veröffentlichten Studien von Wilhelm Heitmeyers Institut für Konflikt und Gewaltforschung (IKG) und der Friedrich Ebert Stiftung (FES) beschäftigt.
Ich habe hier sowohl über „Deutsche Zustände“ als auch über „Vom Rand zur Mitte“ berichtet, weswegen ich den Artikel, der beide Untersuchungen stark anzweifelt, ebenfalls genauer vorstellen will.

Der zentrale Vorwurf von Autor Klaus Schroeder, Leiter des „Forschungsverbunds SED-Staat“ der FU Berlin, ist:

Beide Studien gehen indes nach dem gleichen Strickmuster vor, indem sie den Befragten ihr eigenes Welt- und Menschenbild zur Beurteilung aufzwingen wollen, ihren Untersuchungsgegenstand – Rechtsextremismus bzw. gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit – durch fragwürdige Inhalte operationalisieren und künstlich Zusammenhänge herstellen, die es nicht gibt oder die zumindest nicht erwiesen sind. (Welt.de)

Zunächst werden die Merkmale der Einstellungsdimension „Chauvinismus“ und „Ausländerfeindlichkeit“ in der Studie der FES behandelt: Das Bekenntnis zu einem starken Nationalgefühl sei Schroeder zufolge aufgeklärt und keinesfalls abwertend.
Die Forderung, deutsche Interessen gegenüber dem Ausland hart und energisch durchzusetzen sei, so Schroeder weiter, ebenfalls harmlos. Der Grund für diese Behauptung leuchtet mir überhaupt nicht ein: Diesem Merkmal könnte auch eine Interpretation der rot-grünen Ablehnung des Krieges im Irak als „Deutscher Weg“ und „Widerstand gegen die USA“ entspringen. Einen „Deutscher Weg“ als „Widerstand gegen die USA“ als Beweis gegen Chauvinismus und Nationalismus anzuführen ist schon… interessant.

Danach wendet Schroeder sich den teilweise missverständlich formulierten Fragestellungen zu. Beispiel: Der Aussage Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen könne man nur entweder zustimmen oder sie ablehnen.

Bei Nachfragen würde sich wahrscheinlich herausstellen, dass viele derjenigen, die dem Statement zugestimmt haben, nicht bei allen Ausländern ein derartiges Motiv vermuten, sondern nur bei vielen bzw. bestimmten. (Welt.de)

Abgesehen davon, dass dieser Vorwurf sachlich falsch ist, weil die Antwortmöglichkeiten hier in fünf Abstufungen aufgeteilt waren (Seite 32 der FES-Studie): Wenn 36,9% der Aussage, dass viele (und nicht die) Ausländer nur hierherkommen, um unseren Sozialstaat auszunutzen, überwiegend oder voll und ganz zustimmen, weist das also nicht auf ein rechtes Einstellungsgefüge hin?
Auch das Statement Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maße überfremdet ist laut Schroeder ungenau formuliert. Hier fehle eine Definition, wann „Überfremdung“ beginne und wann „Überfremdung“ rassistisch konnotiert sei. Den Begriff „Überfremdung“ könne man nicht von vornherein mit Ausländerfeindlichkeit in Verbindung bringen. Hier würde ich, ebenso argumentfrei wie Herr Schroeder, einfach mal das Gegenteil behaupten.

Weiterhin stellt der Autor fest, dass die Statements zu den Einstellungsdimensionen im Hinblick auf die Unterscheidung von rechten und linken Einstellungen teilweise undifferenziert seien. Den Aussagen Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform, Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland mit starker Hand regiert und Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert könnten auch „Freunde einer linksgerichteten Diktatur“ zustimmen.
Gleiches gelte für die Statements zu antisemitischen Einstellungen. Der hohe Prozentsatz der Menschen, die diesen Aussagen zustimmen (17,8% finden: Auch heute noch ist der Einfluß der Juden zu groß) deute nicht auf einen hohen Anteil von Rechtsextremisten hin,

sondern eher darauf, dass viele Linke und Linksextreme ihrem Antiisraelismus eine antisemitische Note geben. (Welt.de)

Schroeder unterschlägt an dieser Stelle, dass die Forscher der Erkenntnis, dass es eine große Schnittmenge zwischen rechten und linken Einstellungen gibt, bereits in der Studie selbst Rechnung getragen haben:

Interessanterweise ist auch der Zusammenhang zur Links- / Rechtsselbsteinschätzung nicht sehr deutlich ausgeprägt. So muss eine Selbsteinschätzung, politisch eher links zu stehen, nicht mit niedrigen Werten im Rechtsextremismusfragebogen einhergehen. (Vom Rand zur Mitte, 82)

vom rand zur mitteAuch in der medialen Berichterstattung ist dieser Aspekt von den Forschern der FES bereits vor Monaten aufgegriffen worden:

“Rechtsextrem ist eigentlich ein irreführender Begriff”, so Decker. “Selbst Menschen, die sich selbst als ‚links’ bezeichnen, lehnen nicht alle rechtsradikalen Aussagen ab.” (haGalil)

Schroeders Zwischenfazit ist, bei aller Kritik an seiner Kritik, nicht völlig von der Hand zu weisen: Die Art der Fragestellungen lenke die Antworten bereits in die gewünschte Richtung. Die meisten Statements seien generalisierend oder missverständlich formuliert, würden von vielen Befragten falsch verstanden oder könnten lediglich pauschal beantwortet werden. Tatsächlich sind einige der gestellten Fragen Suggestivfragen, allerdings sind meine empirischen Kenntnisse derart rudimentär, dass ich daraus keinesfalls eine eigenständige Kritik formulieren könnte.

Obwohl sich die Beispiele bis jetzt nur auf die Untersuchung der FES beziehen, gilt Schroeders Kritik ebenso für die Heitmeyer-Untersuchung:

Ihre zentrale, von den Medien und einschlägigen Politikern unverzüglich ins politische Handgemenge eingebrachte These, der Rechtsextremismus sei in der Mitte der Gesellschaft angelangt, können die Autoren überhaupt nicht belegen. (Welt.de)

Der Autor kommt zu diesem Schluß, weil seiner Meinung nach zum Rechtsextremismus ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild gehöre. Die Hinzunahme von latent rechtsextrem Eingestellten erhöhe die Zahl der Rechtsextremen daher in unzulässiger Weise, was zu einem bedauerlichen Ergebnis führt:

Nun gelten knapp zwei Drittel der Deutschen als latent oder manifest rechtsextrem Eingestellte. (Welt.de)

Dass die Unterscheidung zwischen latenten und manifesten Einstellungen in der Untersuchung der FES ausdrücklich vorgenommen wird, latente und manifeste Rechtsextreme also höchstens in der Berichterstattung über die Studien in einen Topf geworfen werden, wird hier verschwiegen.

Die Abstufung von nicht-rechtsextrem, latent und manifest rechtsextrem hat sich als notwendig erwiesen, wirft jedoch auch neue Fragen auf. Die Typen in ihrer sozialen Lebenssituation und ihrer psychischen Verfassung sind sehr unterschiedlich. Und in den Typen ist die rechtsextreme Einstellung unterschiedlich verteilt. (Vom Rand zur Mitte, 155)

Schroeder wendet sich nun der Heitmeyer-Studie „Deutsche Zustände“ zu, behält die Stoßrichtung seiner Kritik aber bei. Er beklagt, dass Heitmeyer es wage,

uns Deutsche zu einem Volk von Menschenfeinden (Welt.de)

zu erklären, nur weil 60% der Befragten dem Statement Es leben zu viele Ausländer in Deutschland zustimmen. Jemand muss „uns Deutsche“ verteidigen, und deswegen springt Schroeder in die Bresche: Aus der Befürwortung dieses Statements könne man

keineswegs auf eine Ausländer auch mit unfairen Mitteln bekämpfende Gesinnung (Welt.de)

schließen. Richtig, ein wenig Sportsgeist und Fairness bei der Bekämpfung von Ausländern, und schon ist man kein Menschenfeind mehr. Abgesehen von dieser indiskutablen Aussage suggeriert Schroeder seinerseits, dass Heitmeyer a) die Aussage, alle Deutsche wären Menschenfeinde gemacht und sie b) mit dieser einzelnen Prozentzahl begründet hat.

deutsche zuständeSchroeder verteidigt weiter:

Selbst die Befürwortung der Forderung, Ausländer sollten in ihre Heimat zurückkehren, wenn Arbeitsplätze knapp werden, ist nicht unbedingt Ausdruck von Feindschaft gegenüber Ausländern, sondern drückt eher die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz aus. (Welt.de)

Ich würde die Aussage noch etwas anders akzentuieren. Es wird die Sorge ausgedrückt, dass der eigene Arbeitsplatz von Ausländern weggenommen wird. Es ist kreativ bis durchgeknallt, dies als Sorge um den Arbeitsplatz und nicht als ausländerfeindlich zu interpretieren.

Schroeder wünscht sich abschließend, die Zahl der Menschen mit einer rechtsextremen oder menschenfeindlichen Gesinnung nicht künstlich zu überhöhen oder zu verkleinern. Dem kann man sich erstmal anschließen, auch der Hinweis auf die vielen, die Validität der Studien gefährdenden, Suggestivfragen ist nachvollziehbar. Der Seitenhieb auf

vornehmlich linke Sozialwissenschaftler [die] zu einer konstruierten Überhöhung (Welt.de)

neigen, ist allerdings nicht gerechtfertigt. Schroeders Vorwurf, eigene politische Positionen in die Forschungsarbeit einfliessen zu lassen, kann man vermutlich auch ihm selbst machen. Nach kurzer Recherche zeigt sich, dass die gegenüber der FES und dem IKG gemachten Vorwürfe bereits auf andere Studien zum Thema Rechtsextremismus angewendet wurden. In Schroeders eigener Studie „Rechtsextremismus und Jugendgewalt in Deutschland. Ein Ost-West-Vergleich“ (2004) findet gar ein Rundumschlag gegen Forschungen zu Rechtsradikalismus bei Jugendlichen im allgemeinen statt:

„Es gibt wesentlich weniger Jugendliche mit einem verfestigten rechtsextremistischen Weltbild als öffentlich angenommen und in den meisten Studien ermittelt wird.“ […] Die sehr viel höheren Ergebnisse früherer Studien kommen laut Sozialwissenschaftler Schroeder […] durch suggestive Fragen und voreingenommene Auswertung zu Stande. Die Rechtsextremismusforschung ist seiner Ansicht nach „zeitgeistbedingt politisch und ideologisch aufgeladen“. Mit anderen Worten: Ihre Ergebnisse sind unbrauchbar. (Welt.de)

Inwieweit Schroeders teilweise pauschal vorgebrachte Kritik gegen Forschung zu Rechtsextremismus einem wissenschaftlichen Interesse, einer politischen Einstellung, gekränktem Forscherstolz oder einer Mischung aus allen dreien entspringt, möchte ich nicht mutmaßen.