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Buchreport – Miles Davis. Die Autobiographie

Ich halte nicht viel von (Auto)Biographien. In der Regel geht es um Nebensächlichkeiten, die von dem ablenken, was die Person wirklich interessant oder wichtig macht. Beispiel: Kolumbus. Fein, er ist mit seinen Kriegselefanten über die Alpen geritten. Aber trotzdem ist es unwichtig, ob seine Schwester schlecht in Mathe oder er ein Frühaufsteher war.

milesAn dieser Stelle soll es jedoch um eine Ausnahme gehen. Offline und online wurde ich schon mehrfach auf die Autobiographie von Miles Davis hingewiesen, nun habe ich sie gelesen. Der regelmäßige und aufmerksame Leser wird wissen, dass ich ziemlich auf Miles abfahre, weswegen eine objektive oder sachliche Buchkritik hier nicht zustande kommen wird.

Die gut 600 Seiten der von Miles diktierten und von Quincy Troupe aufgeschriebenen Autobiographie werden mit Leichtigkeit gefüllt. Ständig wechselnde Frauen, häufiger Ärger mit den Cops und exzessive Drogengeschichten spielen eine Rolle, und ganz nebenbei wird das musikalische Treiben eines der grössten Jazzmusiker aller Zeiten abgehandelt. So dürfte das Buch sowohl sensations- und storyorientierte Laien als auch musikalisch Interessierte zufrieden stellen.
Von Miles Davis wird das Bild, das ich eigentlich schon hatte, noch ausdifferenziert: Ein schonungslos offenes, cooles, großmäuliges Genie; ein hochgradig suchtgefärdetes, stylishes, arrogantes Arschloch; ein gern provozierender, machohafter, eitler Ekel; ein erbarmungslos böser, geradliniger, kompromissloser Künstler; ein hochintelligenter, verletzlicher, ehrgeiziger Egozentriker. Wenn Miles jemanden scheiße findet, sagt er es ihm ins Gesicht. Sein Kommentar zu Ornette Coleman, der den Jazz in den 60ern durch eine von Regeln und Konventionen völlig befreite Spielweise revolutionieren wollte und deswegen von vielen Intellektuellen abgefeiert wurde und wird, fällt noch vergleichsweise harmlos aus:

Ich habe mit Ornette gespielt und glaube nicht, dass er so richtig hip war, vor allem als er ohne jede Ausbildung begann, Trompete zu spielen.
Menschlich mochte ich Ornette und Don sehr gern. Aber was an ihrem Spiel revolutionär sein sollte, konnte ich wirklich nicht entdecken und das sagte ich auch. (338-339)

Diese Offenheit hat Miles Davis oft Probleme bereitet, vor allen Dingen mit den Cops und dem amerikanischen Rassismus. Oft wird er in seinem gelben Lamborghini(!) aus dem Verkehr gezogen, und weil er sich nichts gefallen lässt, enden die Auseinandersetzungen mit der Staatsgewalt bisweilen blutig.
Frauen bekommen diese Offenheit ebenfalls zu spüren. Er macht keinen Hehl daraus, dass er bei vielen nur am Ficken interessiert ist und niemand das Recht hat, ihn in welcher Weise auch immer einzuschränken.
miles2Und auch gegenüber sich selbst nimmt er kein Blatt vor den Mund. Seine teilweise schwere Abhängigkeit von vielen verschiedenen Drogen, die ihn zwei Mal zu einer längeren Auszeit zwingt, wird schonungslos deutlich geschildert. Diesen Schilderungen folgend ist es vermutlich reines Glück, dass Davis die meisten seiner frühen, ebenfalls drogensüchtigen Wegbegleiter überlebt hat. Einen Großteil der Lebenszeit, den er dadurch gewonnen hat, nutzte er übrigens, um noch mehr Drogen zu konsumieren.
Auf Miles Davis‘ musikalische Größe wurde an vielen Stellen bereits ausführlich eingegangen.
Zahlreiche spätere Bandlieder und Spitzenspieler fingen in seiner Band an, unzählige Musiker werden bis heute von ihm beeinflusst, er hat sich selbst und seine Musik so oft neu erfunden, dass gewöhnliche Musiker dafür mehrere Leben bräuchten. Neben Louis Armstrong1 und Charlie Parker gibt es keinen, der Jazz so sehr verändert und beeinflusst hat, vermutlich niemand hat die Entwicklung dieses Musikstils so sehr vorangetrieben.

Während mir relativ klar ist, was mich am Musiker und auch an der Person Miles Davis fasziniert, bin ich bis jetzt noch nicht dahintergekommen, weshalb mich diese Autobiographie so fesselt. Eine Vermutung ist, dass ich sie bezüglich meines Wissensstands über Jazz genau zum richtigen Zeitpunkt gelesen habe. Das Verhältnis zwischen gut bekannten, etwas bekannten und völlig unbekannten Namen könnte genau richtig gewesen sein, um das Buch so spannend und interessant zu machen. Aber das ist wie gesagt nur Spekulation.
Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, ein Buch schonmal so verschlungen zu haben. Obwohl ich von (Auto)Biographien doch eigentlich nicht viel halte…

  1. Mit „Pops“, dem Vater des Jazz, geht Miles ebenfalls hart ins Gericht. Er kann dessen bewusstes Bedienenen der schwarzen Klischees nicht ausstehen:

    Ein Schwarzer tauchte in solchen Talkshows nur auf, wenn er grinste und sich zum Clown machte – wie Louis Armstrong. Ich liebte Louis als Trompeter, aber ich hasste die Grinserei, die er vor diesen schlappen Weißen abzog. (422)

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Buchreport – Verschwörung gegen Amerika

plot against americaPhilip Roth, seines Zeichens Autor von sehr guten Büchern wie „Der menschliche Makel“ oder „Amerikanisches Idyll“, hat mit „Verschwörung gegen Amerika“ nochmal ’ne Schüppe draufgelegt. Aber eins nach dem anderen.

Das Buch basiert auf der sehr interessanten (aber im Grunde nicht neuen) Idee eines alternativen Geschichtsverlaufs. In den USA wird 1940 nicht Franklin D. Roosevelt (zum 3. Mal) wiedergewählt, sondern der Flieger Charles Lindbergh – sowohl im Roman als auch „in echt“ ein erklärter Antisemit, Nazifreund und seit 1938 Träger des Verdienstordens vom Deutschen Adler. Der neue Präsident verfolgt eine isolationistische Politik, mit der die USA aus einem möglichen Krieg gegen Deutschland herausgehalten werden sollen. Konsequent schliesst Lindy deswegen auch einen Friedensvertrag mit Hitler.
Der Leser wird Zeuge eines erst schleichenden, fast zögerlichen, aber später mehr und mehr offensichtlichen Antisemitismus in der amerikanischen Gesellschaft, der zum Schluß in Ausschreitungen gegen Juden endet. Die ständig zu beobachtende Gratwanderung der immer feindseligeren Anfeindungen und Diskriminierungen ist ein Höhepunkt des Buches. Die politischen Ereignisse finden ihre Parallele auf der persönlichen Ebene bei Familie Roth: Die behütete Welt des 7-jährigen Philip im jüdischen Viertel von Newark, New Jersey, erodiert aufgrund der politischen Verhältnisse immer mehr. Der Junge bekommt Diskriminierung, Indoktrinationsversuche, Propagandaerfolge und vor allem die daraus resultierende Hilflosigkeit am eigenen Leib und in der Familie zu spüren. Die persönlichen Dramen dieser fiktiven Autobiographie, ausgelöst durch die immer bestürzenderen und immer schneller voraneilenden Ereignisse, lassen Roth klar zur Hochform auflaufen.

Der Autor versucht, bei aller historischen Fiktion, nah an den Fakten zu bleiben. Das wird nicht nur in dem 26-Seitigen Glossar am Ende des Buches deutlich, in dem die wahren historischen Chronologien der Hauptfiguren und einige andere Dokumente stehen. Die Faktennähe beginnt schon damit, dass einige Republikaner Lindbergh 1940 tatsächlich gegen FDR aufstellen wollten. Auch die im Buch vorkommenden „interest groups“ wie America First und historische Nebenpersonen wie den antisemitischen Radioprediger Father Coughlin1 gibt und gab es wirklich.
philip_roth

Das war überhaupt eines meiner Ziele bei diesem Roman, so wahrheitsgetreu wie irgend möglich zu bleiben. Abgesehen natürlich von der zentralen Fiktion, wonach Lindbergh Präsident wird. Das Newark, das ich beschreibe, ist das Newark, in dem ich aufgewachsen bin. Die Familie, die ich beschreibe, ist meine Familie in einer fiktiven Situation.
(Roth auf Zeit.de)

Etwas holprig wird es allerdings, als Roth am Ende des Romans den fiktiven Ausflug wieder in die historische Realität einflechten muss – dieser höchst ereignisreiche und chaotische Zeitabschnitt wird etwas lieblos auf wenigen Seiten abgehandelt. Vielleicht wird hier deutlich, dass Roth eher im Bereich des Familienromans beheimatet ist und der historische Kontext dieses Buches für ihn auch wirklich nicht mehr als Kontext ist. Gerade eine genauere Beschreibung der politischen Ereignisse, auch in Europa, hätte mich persönlich sehr interessiert. Aber so ist Roth bei diesem Experiment weitestgehend in dem Rahmen geblieben, in dem er zu den Besten gehört (die ich kenne). Und vielleicht macht gerade diese Tatsache das Buch so gut.

Neben dem Zauberberg das beste Buch, das ich dieses Jahr gelesen habe. Soweit ich mich erinnern kann.

  1. Auf den übrigens auch Adorno in „Antisemitismus und faschistische Propaganda“ (in: Simmel (Hg.) – Antisemitismus) kurz eingeht. [zurück]

Sexualkunde

Mit Funny van Dannen:

Vor vielen, vielen Jahren, als die Hoden noch unabhängig und ungebunden waren, hüpfte einer lustig durch das Unterholz eines Dschungels. Er war so übermutig, dass er gar nicht bemerkte, wie sich über ihm ein böses Unwetter zusammenbraute.
Auf einmal brach der Himmel auf, und große Wassermassen prasselten mit einer solchen Wucht auf die Erde, dass viele Bäume in sich zusammenbrachen, also nicht einfach umknickten, sondern richtig in sich zusammenbrachen, so als hätte sich ein riesiger Fettsack auf sie gesetzt.
hoden1Der Hoden geriet in einen reißenden kleinen Bach und wurde in einen Fuchsbau gespült. Da hockte ein alter Fuchs und lachte: Na sowas! Hat man auch nicht alle Tage, dass einem ein Frühstücksei vors Maul gespült wird!
Der Hoden, ich glaube, er hieß Ramona (damals wurde noch nicht nach Mädchen- und Jungennamen unterschieden), war noch viel zu mitgenommen, um irgendwie zu reagieren. Er spürte, wie ihn der Fuchs mit seiner Schnauze in eine kühle Ecke schob, und schlief vor Erschöpfung ein.
Als er aufwachte, hörte er den Fuchs mit einer mächtigen Forelle reden. Es interessiert mich gar nicht, rief der Fuchs, ob du Familie hast. Die Flut hat dich in meine Höhle gespült, und jetzt gehörst du mir. Ich kann dich sofort auffressen, oder später, aber ich werde dich bestimmt nicht zum Fluss zurückbringen. Das ist nicht meine Art!
Weißt du denn überhaupt, wie ich schmecke?, fragte die Forelle, und in diesem Moment erinnerte sich Ramona an das Frühstücksei und wollte aus der Höhle schleichen.
Guck mal!, rief die Forelle. Da läuft ein Ei!
Der Fuchs drehte sich um, und die Forelle nutzte den Augenblick der Ablenkung, um abzuhauen. Das machte sie sehr raffiniert: Sie fing an zu laichen und rutschte dann rückwärts über den Laich ins Freie. Als Ramona den Fuchs auf sich zukommen sah, drehte er den Spieß einfach um und rief: Guck mal! Die geht ja über Laich! So entstand die weltberühmte Redewendung.
Wieder drehte der Fuchs sich um, und dieses Mal musste er lachen. Das ist ja echt das Größte!, schrie er vor Begeisterung über die einfallsreiche Forelle. Mit ein paar Sprüngen war er bei ihr und verschlang sie unzerkaut, dann schleckte er den Laich noch weg und wollte wieder zu Ramona.
Der stand da und atmete ganz ruhig. Er hatte mit dem Leben abgeschlossen und hoffte darauf, auch unzerkaut verschluckt zu werden. So kam es dann auch, Gott sei Dank! Der Fuchs schlürfte Ramona ein wie eine Nudel, und im Magen traf er die Forelle. Sie lebte, und weil sie immer noch ein Raubfisch war, schnappte sie nach Ramona mit ihren kleinen spitzen Zähnen.
Es entwickelte sich im Dunkeln eine Verfolgungsjagd auf engstem Raum. Dem Fuchs wurde schlecht, doch rechtzeitig begann die Magensäure den Elan der hyperaktiven Nahrung zu stoppen. Der Fuchs rülpste, dann war endlich alles still.
Der Fuchs ging an die frische Luft. Da packte ihn das Faultier Pedro und würgte ihn erbarmungslos, weil der Fuchs Pedros Faulheit einige Male ausgenutzt und ihn sexuell belästigt hatte.
hoden2Du sollst meine Teilnahmslosigkeit nicht noch einmal mit Einverständnis verwechseln!, brüllte das Faultier dem schon toten Fuchs ins Ohr. Dann biss er seinen buschigen Schwanz ab und klemmte ihn sich hinten unters Stirnband. Da werden die Weiber Augen machen!, dachte das Faultier und schleppte sich von dieser Aussicht euphorisiert durch den aufgeweichten Wald.
So war das damals, und weil es den Hoden oft so schlecht erging, beschlossen sie irgendwann, es paarweise zu versuchen und sich zusammen mit den Penissen, die vielerorts sinnlos herumhingen, den Männchen als Fortpflanzungsorgane anzudienen, nachdem die Weibchen abgewunken hatten: zu extrovertiert für untenrum!
Die Männchen nahmen das Angebot an, obwohl sie noch nie was von Fortpflanzung gehört hatten und sich darunter außer Grünzeug wegschaffen auch gar nichts vorstellen konnten, denn bis dahin hatte Gott die Weibchen alle selbst befruchtet und die Männchen als bewegungsfreudige Formvariante hingenommen.
Früher waren die Männchen neidisch auf die Frauen gewesen, jetzt hatten sie endlich auch was zwischen den Beinen!
Es dauerte natürlich noch viele Jahre, bis das neue Regenerationsmodell so weit entwickelt war, dass Gott sich zurückziehen und neue Ideen verwirklichen konnte, aber die Hoden hatten es geschafft: Sie waren wichtig geworden. (Funny van Dannen – Neues von Gott)

Ein witziges Buch. Man hat nach dem Lesen, genau wie bei Büchern von Max Goldt und vor allem Helge Schneider, ein bisschen das Gefühl, sich mit einer ausschließlichen Aneinanderreihung von totalem Nonsens beschäftigt zu haben. Und mit der Zeit kann es auch etwas anstrengend werden, den abgehobenen und unzusammenhängenden gedanklichen Sprüngen dieser Autoren zu folgen. Aber unterhalten wird man trotzdem aufs vortrefflichste. „Es ist“, so möchte der zufrieden grinsende Leser es auf den Punkt bringen, „kurzweilig.“

Buchreport – Wir brauchen keinen Gott

wir brauchen keinen gottMal wieder ein Buchreport. Während des Semesters kommt man leider nicht dazu, besonders viele Bücher „privat“ zu lesen. Zu viele Texte, die für irgendwelche Seminare gelesen werden müss(t)en.
Ich habe mir jedenfalls Michel Onfrays „Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muß“ zu Gemüte geführt. Laut Eigenwerbung liegt hier eine Absage an alle Religionen und ein Plädoyer für ein freies, vernunftbestimmtes Leben vor, das in Frankreich eine kontroverse Debatte hervorgerufen hat. Voller Tatendrang fordert Onfray eine „Atheologie“, die als Gegenbewegung zur Theologie den Diskurs über Gott noch einmal neu aufrollt. So weit, so vielversprechend.
Leider kann der Autor diesen Anspruch nicht wirklich erfüllen – er leistet eine polemische Kritik an den drei großen Monotheismen, dem Islam, dem Christentum und dem Judentum. Das ist an sich ja nicht schlecht, eigentlich sogar sehr sinnvoll. Aber so wie Onfray es anstellt leider auch nichts neues: Er versucht aufzuzeigen, dass Gewalt, Unterdrückung und Ungerechtigkeit durch die heiligen Schriften der drei behandelten Religionen gerechtfertigt werden (können). Aber jeder halbwegs zurechnungsfähige Vertreter einer der Religionen gibt heute zu, dass die Thora, die Bibel und der Koran voller Widersprüche und deswegen nicht wörtlich zu interpretieren sind. Die aufgeklärteren Gläubigen werden bei den hier vorgebrachten Argumenten müde abwinken, und für alle anderen ist eine vernunftorientierte Argumentation bekanntlich ohnehin nicht viel wert.
Durch den durchweg scharfen Tonfall ist das Buch zwar unterhaltsam und als Nachttischleküre geeignet, aber es verliert auch an wissenschaftlicher und sprachlicher Genauigkeit und Korrektheit. Beispielsweise behauptet Onfray, dass die Öfen der Gaskammern „mit einem Funken des Johannesevangeliums gezündet werden“ (258) konnten – damit stellt er die falsche Behauptung auf, dass ein religiös motivierter Antisemitismus zum Holocaust geführt habe. Überhaupt fällt dem Judentum eine undankbare Rolle zu, weil es, als die älteste der drei Religionen, alles Unheil erfunden hat. Rassismus („auserwähltes Volk“), Völkermord und „Deportation“(!) (in Kanaan), sinnes- und körperfeindliche Gebote (du sollst nicht begehren) haben der Islam und das Christentum demnach nur vom Judentum übernommen oder gelernt.
Als wäre das alles nicht genug, entspricht Michel Onfray darüber hinaus dem Bild, das ich von einem französischen Intellektuellen, der sich auch als solcher definiert, habe: Auf dem Buchrücken wird er als „der große Radikale unter den Denkern der Gegenwart“ beschrieben, er jongliert leichtfertig mit Nietzsche, Kant und Foucault und fordert radikale(?) Sachen, die er dann doch nicht einhalten kann. Am Ende hat man aber eine sehr kontroverse Debatte um den unorthodoxen Provokateur geführt.
Obwohl man dem Buch also eine in der Sache richtige und wichtige Motivation unterstellen kann, bleibt es hinter den Erwartungen zurück. Für einen theoretisch fundierten Gegenentwurf im Sinne der Aufklärung geht es hier zu polemisch und flapsig zu, und für einen Beitrag, der einfach das Feuilleton füllt, nimmt Onfray sich und das Buch zu ernst.

Buchreport – Der Verfolger

der verfolgerDer Klappentext des Buches von Julio Cortázar liest sich vielversprechend:

„[…] die nur leicht verhüllte Biografie des Ausnahmemusikers Charlie Parker, der in den Vierziger und Fünfzigerjahren die Jazzmusik revolutionierte.“

Aber das Buch ist wird den (zugegebenermaßen hohen) Erwartungen leider nicht gerecht. Was könnte man für aufregende Dinge über Charlie Parker schreiben, dessen Einfluß auf Jazz höchstens mit dem von Louis Armstrong zu vergleichen ist. Der Pelé des modernen Jazz war außerdem ein absolutes Drogenwrack mit einem höchst exzessiven Lebenswandel. Alles in allem also guter Stoff für eine richtig spannende Biographie. Aber das Projekt muss schon alleine daran scheitern, dass das Buch nur 95 Seiten hat – wie will man so einer Person auf diesem Raum gerecht werden?
So geht es in „Der Verfolger“ auch eher um die Beziehung zwischen Johnny Carter/Charlie Parker und seinem Biographen. Dieser weiß einerseits, dass die musikalische Genialität des Saxophonisten, von der ja auch der Biograph profitiert, eng mit den Drogen zusammenhängt. Andererseits muss er als Freund Parkers zusehen, wie dieser verzweifelt von einer Katastrophe in die nächste gerät, Hotelzimmer anzündet, einen Trip nach dem anderen fährt und schizophren wird. Nebenbei bekommt man eine ungefähre Ahnung, wie die (Pariser) Jazzszene in den Fünfzigern ausgesehen hat. Sobald man sich auf diese interessante Geschichte eingelassen hat, ist sie auch schon wieder vorbei. Zurück bleibt ein komisches Gefühl: als hätte man gerade eine äußerst interessante Urlaubsbekanntschaft gemacht, von der man sich nach 7 Tagen schon wieder trennen muss – natürlich ohne die obligatorische Telefonnummer ausgetauscht zu haben.