Erika Steinbachs feuchte Träume

Das heute zum ersten Mal erschienene Aufklärungsmagazin SPIEGEL SPECIAL GESCHICHTE wartet zur Premiere direkt mit interessanten Umfrageergebnissen auf:

Als historische Ereignisse, auf die man mit Stolz blickt, nannten die befragten Deutschen neben den üblichen Verdächtigen Mauerfall (28%) und Wiederaufbau/Wirtschaftswunder (12%) auch ein Ereignis von epochalem Ausmaß: die Fußball-WM 2006 (7%). Klar, dass Kinkerlitzchen wie die Gründung der BRD und die demokratische Grundordnung (9%) dagegen ziemlich abkacken – 1949 gab es einfach noch keine Autofähnchen und weniger Freibier.
In Anbetracht dieser Einordnung ruft jedoch die Vernachlässigung der Handball-WM 2007 Unverständnis und Irritationen hervor. Immerhin sind wir hier mal wieder Sieger geworden, haben die Polen geklatscht und Freibier gab es bestimmt auch. Warum diesem bahnbrechenden historischen Ereignis nicht die entsprechende Bedeutung beigemessen wird (ca. 20%), ist mir ein Rätsel.

Bis hier sind die Ergebnisse bis auf die eigenwillige Einordnung der Fußball-WM 2006 noch recht gewöhnlich. Interessant wird es im Folgenden, und nun kommt auch die schärfste Vertriebene des Universums, Erika Steinbach (89), ins Spiel.
erika s.Der Umfrage zufolge empfinden 24% der befragten Deutschen Schlesien und Ostpreußen nach wie vor als deutsch. Ebenfalls 24% (vermutlich sogar exakt die gleichen Personen) finden es falsch, dass die BRD sich vertraglich verpflichtet hat, für immer auf Schlesien und Ostpreußen zu verzichten. Dadurch hat man sich, so scheint der verbitterte Gedankengang, die Tür zur Erweiterung des Lebensraums im Osten für immer zugeschlagen. Folgerichtig bedauern 40%, dass (Opa umsonst gekämpft hat und) diese ehemals deutschen Gebiete seit dem 2. WK nun zu anderen Ländern (Polen, Litauen und Russland) gehören.1
Wenn Frau Steinbach (112) gescheit ist (und ich weiß, dass sie blitzgescheit ist), dann erkennt sie das Potential, dass noch immer im deutschen Volk schlummert. Sie muss die ungeheure Schlagkraft, die ihre Bewegung BdV scheinbar mehr denn je entwickeln kann, jetzt voll ausschöpfen. Vermutlich stand die füllige Mittneunzigerin nie so kurz davor, auf den Bauernhof ihrer Eltern in Polen zurückzukehren.

  1. Vor dem Hintergrund dieser gebietspolitischen Niederlagen wundert es übrigens fast, dass noch fast 50% der Deutschen die nationale Geschichte insgesamt positiv sehen. [zurück]

14 Antworten auf „Erika Steinbachs feuchte Träume“


  1. 1 mkb 20. Februar 2007 um 19:42 Uhr

    Derlei Statistiken können mich (leider) nicht mehr schockieren. Seit vor etwas mehr als 3 Jahren Adenauer die Wahl der „100 wichtigsten Deutschen“ gewann, und dabei u.a. Luther, Bach und Goethe deklassierte, wundert mich nichts mehr. Absolut. Gar. Nichts.

    Das zugrundeliegende Prinzip dürfte so ziemlich das gleiche sein wie bei deiner Story: halbwegs Aktuelles bleibt eher haften, abwägen mit wirklich wichtigen, aber lange vergangenen Dingen, die nur aus Dokus, oder bestenfalls dem Geschichtsunterricht bekannt sind, ist vollkommen out.

  2. 2 biber 21. Februar 2007 um 2:31 Uhr

    Gibs zu, Du wolltest eigentlich „blitzkriegsgescheit“ schreiben, oder? :-)
    Ich finds ja schon schlimm genug, dass überhaupt wer auf die Frage, worauf er denn so als Deutscher stolz ist/was sein Land so tolles geleistet hat, eine Antwort gibt, die was anderes als fassungsloses Kopfschütteln, Gewalt gegen Reporter oder doch zumindest eine klitzekleine Gegenfrage und/oder Agitation beinhaltet.

  3. 3 jules 21. Februar 2007 um 9:22 Uhr

    @ mkb:

    Es ging mir auch gar nicht darum, zu schockieren oder neue Wirkungsprinzipien offen zu legen.
    Trotzdem habe ich die Antworten zu Schlesien/Ostpreußen in der Form und in dem Ausmaß nicht erwartet.

    Bei den Antworten zu den historischen Ereignissen schockiert mich wie gesagt nur die Ignoranz, mit der die Befragten die Handball-WM übergehen. Als hätte in Deutschland nichts wichtigeres stattgefunden als der Mauerfall!

  4. 4 mkb 21. Februar 2007 um 11:40 Uhr

    Wichtigeres sicher schon, aber nichts a) „auf das man mit Stolz blickt“ und b) TV-Show-kompatibles. Und ohne b bleibt auch a nicht im Gedächtnis. Es sei denn vielleicht, du befragst nur Akademiker.

    Zum Handball: nunja, es war eben bloß Handball *g* Wenn „wir“ hingegen die Fußball-WM gewonnen hätten, dann stünde zu befürchten, dass jenes Ereignis selbst den Mauerfall in der Statistik getoppt hätte.

    Ich glaub, ich muss mir das Heft doch kaufen (oder am Zeitungsregal mal reinlinsen). Ich argwöhne beinahe, dass in der Statistik auch irgendwelche andere Showevents als geschichtsrelevant auftauchen.

  5. 5 jules 21. Februar 2007 um 12:18 Uhr

    [quote comment=“2801″]Ich argwöhne beinahe, dass in der Statistik auch irgendwelche andere Showevents als geschichtsrelevant auftauchen.[/quote]
    Kann gut sein. Sag mal Bescheid wenn Wetten Dass oder der ZDF Fernsehgarten historische Ereignisse sind, die „dem Deutschen an sich“ Pipi in die Augen treiben.

  6. 6 mkb 23. Februar 2007 um 16:48 Uhr

    Also, das Heft liegt vor mir: die Top-Ereignisse nanntest du schon. Interessanter Kontrapunkt dazu ist vielleicht, dass immerhin 22% _kein_ Ereignis sahen, auf das sie mit Stolz zurückblickten.

  7. 7 jules 23. Februar 2007 um 17:04 Uhr

    Kontrapunkte sind in meinen Argumentationen grundsätzlich nicht vorgesehen…

  8. 8 mkb 23. Februar 2007 um 17:22 Uhr

    Ei no. Deshalb das „vielleicht“. Als Rückversicherung.

  9. 9 jules 23. Februar 2007 um 19:20 Uhr

    Rückversicherungen sind in meinen Argumentationen grundsätzlich nicht vorgesehen…

  10. 10 mkb 23. Februar 2007 um 19:31 Uhr

    Verdammt. Das wusste ich nicht.

    Du könntest ruhig mal ne About-Page einrichten, wo solche Regeln erwähnt werden. Sonst ist das ja die reinste Willkür. Aber wahrscheinlich ist diese in deiner Argumentation grundsätzlich vorgesehen…

  11. 11 jules 23. Februar 2007 um 19:43 Uhr

    Schwamm drüber. Eigentlich fand die Rückversicherung ja auch in Deiner Argumentation statt – dort greift mein Reglement natürlich nicht. Das musst Du sozusagen mit Dir selbst ausmachen.

    Dass mein Regelwerk willkürlich ist, stimmt nicht so ganz. Da steckt schon ein durchdachtes System der perfiden Argumentationssabotage dahinter. Aber eine About-Page mit solchen Regeln wäre trotzdem eine feine Sache.

  12. 12 mkb 23. Februar 2007 um 21:46 Uhr

    Äh, kann es sein, dass du mich für angesäuert hältst?

    Merke: nicht nur du bist der Stilmittel Ironie und Sarkasmus fähig. :D

  13. 13 jules 23. Februar 2007 um 21:52 Uhr

    Nein, überhaupt nicht.
    Mein Kommentar sollte eher so großzügig/großkotzig rüberkommen. Mist.

    Merke: Metakommunikation lohnt sich. Manchmal.

  14. 14 mkb 23. Februar 2007 um 22:28 Uhr

    Scheint so.

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