Sugar daddys conquering the Premier League

Gestern habe ich mir noch Gedanken darüber gemacht, ob man sich wünschen sollte, dass Arsenal von Investoren übernommen wird oder nicht.

Heute schlage ich beim gemütlichen Kaffee früh morgens um 12 den Independent auf, und was müssen meine vereiterten und verkrusteten Augen da lesen?

Revealed: the US billionaire who is in talks with Arsenal (Independent)

Mir ist fast die Tasse aus der Hand gefallen.

Der amerikanische Milliardär Stan Kroenke hat bereits die St. Louis Rams (NFL), die Denver Nuggets (NBA), die Colorado Avalanche (NHL) und die Colorado Rapids (MLS) in seinem Portfolio. Für den Fall, dass er die Aktienmehrheit bekommt, sollen die Colorado Rapids im Zuge einer Teampartnerschaft1 in Arsenal Colorado oder Colorado Arsenal umbenannt werden und ihre Teamfarben an die historischen Arsenal-Trikots der letzten Saison anpassen. Apropos Aktienmehrheit: Ob die derzeitigen britischen Großaktionäre David Dein (16,4%), Nina Bracewell-Smith (15,9%) und Danny Fiszman (25%) bereit sind, ihre Anteile zu verkaufen, ist noch völlig unklar und natürlich der entscheidende Faktor. Dass Teams der Major League nur mit einer Vorlaufzeit von 18 Monaten umbenannt werden oder ihre Teamfarben ändern dürfen, ist eine weitere Komplikation, wenn man den Zeitplan marketingtechnisch durchdenkt:

Arsenal ideally want the deal to begin in time for the 2007 season, when the international media spotlight will focus on the MLS with the arrival of David Beckham at LA Galaxy. (Independent)

Was von einer solchen Übernahme zu halten ist, kann man nicht pauschal sagen. Betrachtet man die von „fremden Investoren“2 übernommenen Clubs der Premier League, dann wird deutlich, wie unterschiedlich die sportlichen Auswirkungen sein können – vorausgesetzt, dass dieser Zusammenhang nicht ohnehin von weiteren (Stör-)Variablen beeinflusst wird.

Manchester United
Manchester United ist schon vor zwei Jahren vom Amerikaner Malcolm Glazer übernommen worden, was den Red Devils sportlich (und erst recht finanziell) keinesfalls geschadet haben dürfte. Da es sich hier um eine feindliche Übernahme handelte, wurde der Vorgang von energischen Protesten der Fans begleitet.

West Ham United
Die Hammers sind Ende 2006 vom Isländer Eggert Magnùsson gekauft worden. Der frühere Präsident des isländischen Fußballverbands müht sich redlich, den Club sportlich auf Vordermann zu bringen. Die argentinischen Spieler Javier Mascherano und Carlos Tevez haben sich aus mehr oder weniger dubiosen Gründen bereits für West Ham (und nicht für andere Interessenten wie ManU, Chelsea oder Arsenal) entschieden. Die beiden großen Talente haben dem Club bis jetzt allerdings nicht viel gebracht, er steht zur Zeit auf einem Abstiegsplatz.

Aston Villa
Ein weiterer amerikanischer Investor, Randy Lerner, hat sich 2006 bei Aston Villa eingekauft. Zumindest die Tatsache, dass der vorherige Großaktionär Doug Ellis seine Anteile verkaufte, wurde von den Fans mehrheitlich begrüßt,

who felt that fresh blood and better investment was needed to recapture the glory years. (Wikipedia)

Der sportliche Erfolg lässt allerdings noch auf sich warten. In den letzten Saisons dümpelte der Verein in der unteren Tabellenmitte vor sich hin.

Liverpool
Am Anfang der Woche wurde bekannt, dass George Gillet und Tom Hicks, ebenfalls Amerikaner, die neuen Besitzer vom Liverpool FC sind. Bei den Fans der Reds herrscht mehrheitlich Freude über die neuen Investoren – wenn man ehrlich ist, bekommt die Häme, die man ManU zuvor aufgrund des „Sell Outs“ durch „USA USA!“-Rufe zuteil werden ließ, nun einen faden Beigeschmack. Die sportlichen Auswirkungen der neuen finanziellen Potenz lassen sich natürlich noch nicht abschätzen, der Präsident David Moores erhofft sich aber, die Lücke zu ManU und Chelsea schließen zu können.

Portsmouth
Im Juli letzten Jahres wurde Alexandre Gaydamak, russischer Milliardär französischer Herkunft (oder andersrum), alleiniger Besitzer des Portsmouth FC. Auch hier kann man die sportliche Entwicklung schwer vorhersagen. Die letzte Saison wurde auf Platz 17 abgeschlossen, zur Zeit steht man – sehr überraschend – auf Platz sieben. Durch besondere Einkäufe hat Portsmouth sich bis jetzt noch nicht hervorgetan, eher als Anlaufstelle für alternde Arsenal-Spieler (Campbell und Lauren).

Chelsea
Die größte und bekannteste Übernahme in der britischen Fußballgeschichte ereignete sich, als der russische Ölmilliardär Roman Abramovich 2003 Chelsea kaufte. Der sportliche Erfolg ist bekannt, Chelsea dominierte in den letzten beiden Saisons die Premier League.3 Diese Errungenschaften dürften die anfängliche Skepsis der meisten Chelsea-Fans weggewischt haben. Doch durch die fußballerische Übermacht und das unvergleichliche Ausmaß, in dem Abramovich investiert, ist Chelsea für die meisten Aussenstehenden unheimlich und/oder unsympathisch geworden. Man kann sich kein Spiel anschauen, in dem der Moderator nicht jede Gelegenheit nutzt, das millionenschwere Gewicht der Bonzentruppe hervorzuheben, und Journalisten schreiben unter Bezugnahme auf Abramovitchs Herkunft über „Chelski“. Immerhin hat Abramovitch visionäres Gespür bewiesen, als er seine Übernahme kommentierte:

I think what this could signal is the arrival of overseas sugar daddies. (BBC)

arselogoDie Beispiele zeigen, dass der Werdegang eines Fußballclubs durch eine Übernahme „fremder Investoren“ noch lange nicht festgelegt ist. Wie dominant sich der jeweilige Investor in sportlicher Hinsicht gibt (hier ist Abramovich ein negatives Beispiel) und wieviel Geld er in den Club pumpt sind zwei Faktoren, die schwer vorherzusagen sind.
Darüber hinaus hängt die Einschätzung einer solchen Übernahme vom eigenen Standpunkt zum Club und zu Fußball im Allgemeinen ab. Gibt es für Fußballclubs so etwas wie eine „natürliche“ Entwicklung? Sind die durch Investoren teilweise angestrebten massiven Umwälzungen demnach „unnatürlich“? Wie wichtig ist die traditionelle Ausrichtung (m)eines Vereins? Ab wann wird er zum Spielball eines Großaktionärs? Dass dieser Punkt unter Umständen schnell erreicht ist, zeigen die Überlegungen, die Colorado Rapids umzubenennen und die Vereinsfarben zu wechseln.

Falls Arsenal wirklich den Besitzer wechseln sollte, kann ich nur hoffen, dass dieser sich im Hintergrund hält und Arsene Wenger in den ihm verbleibenden Jahren in Ruhe seine Arbeit machen kann. Im Gegensatz zu einigen der oben genannten Vereine haben die Gunners es nicht dringend nötig, sich neue, teure Spieler zu kaufen. Dies ist dem behutsamen Aufbau der Mannschaft durch das Obergenie Wenger zu verdanken. Er verpflichtete in frühen Jahren und für kleines Geld die Rakete Fabregas und andere vielversprechende Spieler wie Clichy, van Persie, Eboue, Walcott, Denilson usw., die sich nun im Schoße der Mannschaft(!) zu den Superstars der nächsten Jahre entwickeln können werden. Gegen eine Aufbesserung des finanziellen Hintergrunds hätte ich, besonders nach dem sauteuren Bau des Emirates Stadium, trotz allem nichts einzuwenden.

  1. In diesem Zusammenhang vermutet Indie:

    The Rapids tie-up would give Arsenal access to North American talent, or be an option for young players to gain experience. (Independent)

    Inwieweit diese Vorteile für Arsenal ziehen ist fraglich: Um junge Talente zu parken und ihnen Spielpraxis zu geben gibt es bereits eine Partnerschaft mit SK Beveren, und der Zugang zu „nordamerikanischem Talent“ ist insofern nicht besonders reizvoll, als dass es dieses Talent meines Wissens nicht in einem solchen Ausmaß gibt (sieht man von Ausnahmen wie Freddy Adu mal ab). [zurück]

  2. Meine Kompetenz in Finanzwissenschaften ist übrigens so begrenzt, dass ich mir nicht erklären kann, warum man von fremden Investoren spricht. Wieso sind die neuen Anleger fremder als die ohnehin schon existierenden Großaktionäre? [zurück]
  3. Die Saison 04/05 beendeten die Blues mit Rekorden in den Disziplinen „most clean sheets“, „fewest goals conceded“ (15), „most victories“ (29), „most points earned“ (95). Nebenbei gewann man im gleichen Jahr League (bzw. Carling) Cup und Community Shield. [zurück]