Aus den Ruinen der Großstadt

Gastbeitrag von Benni

Du verbringst das Wochenende in der großen Stadt. Die Stadt ist schnell, laut und schmutzig. Überall leuchtet es aus der Finsternis, aus Fernsehern hinter verdreckten Fensterscheiben oder herab von der hoch über deinem Kopf hängenden Neonreklame. Ein Dröhnen in deinem Kopf, eine Trockenheit in deiner Kehle. Ein drängender Strom reißt dich mit und schleift dich durch die Straßen. Um dich herum wackeln die Häuser, einige stürzen zusammen. Du weißt, irgendwo in dem Getümmel, in der gesichtslosen Menge, in der du dich befindest, sind Menschen, die dir etwas bedeuten könnten. Du machst dich auf die Suche nach ihnen, landest in Bars und in Parks, tanzt, trinkst und nimmst Drogen. Du versprichst dir, den anderen auf diese Weise näher zu kommen, aber es bleibt immer eine Lücke, die sich nicht schließen lässt. Du weißt, es ist alles nur ein Spiel, du spürst den Staub der Vergänglichkeit bei jedem Zucken in deinem Körper rasseln. Du weißt, es ist lächerlich, aber du spielst mit. Was bleibt, sind nur Erinnerungen an die Momente, in denen du es fast greifen konntest, du warst kurz davor, ES zu besitzen.
A Weekend in the City, das am 2. Februar erscheinende Zweitwerk von Bloc Party, beschreibt dieses Gefühl, es ist ihm Tropfen für Tropfen eingeträufelt, wie die Duftessenz einem Parfum. Auf musikalisch eindeutig gereiften, viel differenzierteren Wegen als auf dem Debut Silent Alarm führen uns Bloc Party durch die Gefühlswelt eines jungen Großstädter, der zunehmend Orientierung und Halt verliert. Ein Alarm auch hier, wieder leise, aber nicht hochfrequentiert, sondern ein tiefes, untertöniges Brummen, das von Zusammenbrüchen und Katastrophen kündet. A Weekend in the City ist ein Requiem auf den Verlust von Naivität und Illusionen, angestimmt vor der glimmenden Asche verlorener Träume. Aber die Musik ist weit mehr als bloßer Abgesang: Unzerstörbar aus den dampfenden Ruinen der Großstadt steigt jedes Mal wieder die Hoffnung, wischt sich teilnahmslos den Staub von den Schultern und macht sogleich wieder Lust auf das karnevaleske Treiben dort draußen. Sie kann gar nicht anders – zum Glück vielleicht. Schopenhauer hat gemeint: „Der Lebenslauf des Menschen besteht darin, dass er von der Hoffnung genarrt dem Tod in die Arme tanzt“. Bloc Party: „If you want to know what makes me sad… Well, it’s hope, the endurance of faith.“
A Weekend in the City ist ein Meisterwerk.


5 Antworten auf „Aus den Ruinen der Großstadt“


  1. 1 Jorge 04. Februar 2007 um 11:24 Uhr

    ich würde gerne mehr sagen/schreiben können als- ja diese platte ist ein meisterwerk (musste sie allerdings 2-3 mal durchhören bis ich das erkannt habe) und ja- diese kritik ist dieser platte (nebenbei auch diesem blog) absolut würdig.

    „There might be ones who are smarter than you/ That have the right answers, that wear better shoes/ Forget about those melting ice caps/ We‘re doing the best with what we‘ve got/ I love you in the morning/ When you‘re still hung over/ I love you in the morning/ When you‘re still strung out.“

    Aus „Sunday“– mein lieblingsstück auf dieser platte

  2. 2 jules 05. Februar 2007 um 12:16 Uhr

    Kritik, Blog und Album ein Meisterwerk – absolut d‘accord.

    Ich habe ja das Gefühl, dass das Album extra für diese Kritik geschrieben wurde.

  3. 3 k.kate 05. Februar 2007 um 12:47 Uhr

    hier kann man reinhören

    ich persönlich muss mir das album wohl erst noch ein paar mal anhören- von meisterwerk bei mir bisher noch keine spur. :(

  4. 4 jules 05. Februar 2007 um 17:01 Uhr

    Zugegeben, auch ich war nach dem ersten Hören nicht 100% überzeugt. Anscheinend braucht es einige Anläufe, um dieses Album schätzen zu lernen.

  5. 5 kris 06. Februar 2007 um 0:17 Uhr

    ich mag die platte mittlerweile auch, spitzen ding.
    obwohl ich sagen muss, dass mir der vorgänger immer noch besser gefällt (zumindest momentan). die (bereits mehrmals erwähnten) diversen anläufe habe ich auch nicht gebraucht, weil die neue scheibe etwa unzugänglich o.ä. ist, nö, es war bloß meine erwartungshaltung. ich hatte auf mehr dynamik gehofft. so heißt mein fav momentan auch „hunting for witches :D

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