Archiv für Dezember 2006

Alles andere hätte mich überrascht

Der Boxer Arthur Abraham stellt in der Zeit fest:

Zidanes Kopfstoß war technisch sauber. (Zeit)

Unter uns: An Zidanes technischen Fähigkeiten habe ich ohnehin nie gezweifelt.

Arsenal 6 – 2 Rovers

Das scheinbar verrückteste Spiel des Jahres habe ich leider verpasst. Hört sich aber gut an:

One nil down within two minutes, three one up at half-time, in danger of being held to a draw with 85 minutes gone, before ending up winning by four clear goals. (Gunnerblog)

Die Spatzen pfeifen jedoch von den Dächern, dass hinter der guten Offensive eine etwas nervöse Defensive stand. Das Ergebnis schmeichelt also. Beim Soccerblog kann man sich alle Tore noch einmal ansehen.
Am Boxing Day geht es gegen die Hornets (Tabellenplatz 20).

„Grundsätzlich keine Zweifel“

David Irving ist mit einer auf politischem Kalkül basierenden Floskel vorzeitig aus dem Knast entlassen worden.

Er stoße sich, so behauptet Irving, nur noch an Einzelheiten, zweifle aber grundsätzlich nicht mehr an der Massenvernichtung der Juden. (Spiegel Online)

Schade, dass mein Internetzugang momentan so beschränkt ist, ich würde darüber gern ausführlicher berichten.

Ich bin mal kurz Zigaretten holen!

Aus nicht zu konkretisierendem Anlass verdrücke ich mich in eine Blogpause.

Der regelmäßige Leser ist an dieser Stelle ganz schön hin- und hergerissen:
Einerseits wird er in dieser Zeit einen ziemlichen Affen schieben, wahrscheinlich die Tapete von den Wänden kratzen und aufessen oder versuchen, aus seinen ausgefallenen Haaren eine Handtasche zu häkeln. Andererseits weiß er bereits genau, was ich in Blogpausen von denen am anderen Ende des Internets erwarte und kann souverän mit dieser Situation umgehen:

Wer trotzdem hin und wieder auf mein Blog klicken will, damit die Besucherzahlen nicht in den dreistelligen Bereich sinken, ist herzlich dazu eingeladen. Der am häufigsten auftauchende Referer bekommt ein Geschenk per Post zugeschickt. Der am seltensten auftauchende Referer kriegt eins auf die Fresse.

Ich würde mich freuen, wenn die in dieser Hinsicht etwas erfahreneren Leser diejenigen, für die eine so lange Zeit ohne mein Blog völlig neu ist, etwas an die Hand nehmen könnten.

Ach ja, die Kommentare sind solange ich nicht hier bin natürlich moderiert.

Deutschland, ein Wintermärchen

Fast alle waren sich einig.
Die CDU-Politiker, die sich während der WM Staatsbeflaggung in Berlin wünschen:

Die ganze Stadt soll ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer sein. (Spiegel Online)

Der Politiker der gleichen Partei, der neben dem „Schuldkult“ noch andere Gefahren für „unser Vaterland“ erkennt:

Ich würde aber erneut den Trend benennen, dass Multi-Kulti-Schwuchteln unser Vaterland heruntergewirtschaftet haben (Welt)

Der Historiker Paul Nolte, dem ein gesunder Patriotismus feuchte Träume beschert:

Selbstachtung und Selbstverbesserung als Nation: Das sind Gründe für einen politischen Patriotismus der Zukunftsgestaltung, den wir in den kommenden Jahren gut brauchen könnten. (DeutschlandRadio)

Der Journalist Matthias Matussek, der ein „neues deutsches Gefühl“ fordert:

Die Nachkriegszeit ist endgültig vorbei. Neue Stürme fegen durch die ganze Welt. (Spiegel Online)

Seit der WM wurde viel über das neue Heimat- und Nationalgefühl der Deutschen sinniert. In der Regel freute man sich im Feuilleton, in der Kneipe oder in Talkshows über die „neue Unbefangenheit“, mit der man „endlich“ wieder zu „seiner Nation“ stehen kann. „Lange genug“ wurde „uns“ die „Liebe zu unserem Vaterland“ „verboten“, „irgendwann muss man auch“…
Was habe ich gekotzt.

WM-EffektGestern hat Wilhelm Heitmeyer vom Institut für Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) in Berlin die diesjährigen Ergebnisse der Langzeituntersuchung zu Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit vorgestellt. Unter anderem bestätigten die Forscher, dass das seit der WM proklamierte Patriotismusprogramm weder gesund noch ungefährlich ist:

Die These, ein „gesunder patriotischer Nationalstolz“ führe auch zu größerer sozialer Bindewirkung und mehr Offenheit und Toleranz, sei eine „Fehleinschätzung“. Versuche, die darauf abzielten, nationale oder patriotische Einstellungen zu stärken, wie die Kampagne „Du bist Deutschland“ oder die deutsche Leitkultur-Debatte, könnten „höchstambivalente“ und sogar „riskante“ Folgen haben, warnte Heitmeyer. (FR)

Die riskanten Folgen der Stärkung nationaler oder patriotischer Positionen äußern sich meines Erachtens auch darin, dass laut IKG 46,2% der Befragten stolz auf die deutsche Geschichte sind. Beunruhigend, so Heitmeyer, ist in diesem Zusammenhang, dass die Unterstützung für Demokratie gleichzeitig abnimmt.

Aber die im Suhrkamp-Verlag unter dem Titel „Deutsche Zustände“ erscheinende (und wahrscheinlich aus diesem Grund nicht online verfügbare) Studie beschäftigt sich auch mit anderen abwertenden und diskriminierenden Einstellungen.
So wurden beispielsweise steigende Ressentiments gegenüber Ausländern festgestellt:

Fast 60 Prozent der Befragten stimmten der These „eher“ oder „voll und ganz“ zu, dass zu viele Ausländer in Deutschland lebten. Das sind sechs Prozent mehr als in der Befragung vor vier Jahren.
bildGewachsen sind vor allem Aversionen gegen Muslime. Gut 28 Prozent konnten sich mit der Forderung anfreunden, Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden. (FR)

Dass feindselige Einstellungen besonders in abwanderungsstarken, ländlichen Gebieten zusammen mit einer großen ökonomischen Verunsicherung und sozialer Orientierungslosigkeit auftreten, überrascht eigentlich überhaupt nicht. Wenigstens den systematischen Selektionseffekt schätzt man in Ostdeutschland aber vollkommen richtig ein:

„Wir Dummen bleiben hier.“ (Berliner Morgenpost)

Interessant ist, dass die Werte für Antisemitismus seit 2002 gesunken sind, nach dem Libanon-Krieg dieses Sommers aber auf die Werte von vor fünf Jahren hochschnellten.

Wegen des Konflikts zwischen Israel und Libanon sind die Vorbehalte gegen Juden aber wieder auf den Stand von 2002 gestiegen, urteilt die Studie. (FR)

Erwähnenswert ist auch die Auffassung von 21,8% der Befragten, dass Homosexualität unmoralisch sei. 30,5% meinen zusammen mit Eva Herman und Adolf Hitler, dass Frauen sich wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter besinnen sollten.

Die untersuchten Wahrnehmungen lassen sich, so Heitmeyer in der Zeit, damit erklären,

dass rasante ökonomische Entwicklungen und soziale Integration auseinander zu driften scheinen. (Zeit)

Die festgestellte Verschärfung von Einstellungen, die das IKG unter dem Begriff „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ zusammenfasst, haben ihre Ursache also in erster Linie in Desintegrationsproblemen. Das Prinzip ist nicht unbekannt: Die eigene Machtlosigkeit gegenüber „den Starken“ schlägt um in eine Abwertung der Schwachen. Durch diese Kanalisierung der eigenen Ängste erfährt der Einzelne Heitmeyer zufolge eine Art Selbstaufwertung in unsicheren Zeiten.

Ich bin nicht überrascht über diese Ergebnisse, aber beunruhigend, teilweise erschreckend, sind sie trotzdem. Es ist davon auszugehen, dass sich keine der Flachzangen, die sich über ihr unbefangenes, gesundes und nun endlich offiziell abgesegnetes Gefühl zu ihrem Land freuen, von den jährlich diagnostizierten Deutschen Zuständen beirren lässt.