Archiv für Oktober 2006

Dem Pudel fallen die Haare aus

Steht Großbritannien, im Gegensatz zu Kontinentaleuropa, unerschütterlich an der Seite der Vereinigten Staaten, wenn es um den Kampf gegen den Terror und die Verteidigung der westlichen Welt geht? Denkt man daran, dass Tony Blair sogar den Ruf hat, ein US-Pudel und also der Schoßhund Bushs zu sein, liegt diese Vermutung nahe. Doch eine Erhebung der Times of London stellt dies in Frage:pudel

Britain is consumed by a rampant anti-Americanism and an allied hostility toward Israel, which are driving public debate into irrationality, prejudice and appeasement. (Jewish World Review)

62% der Befragten sind der Meinung, dass die Regierung sich von den Vereinigten Staaten distanzieren und kritischer gegenüber Israel sein sollte. Eine andere Umfrage im Spectator Magazine zeigt, dass 45% der Befragten eine engere Anbindung an die EU einem Bündnis mit den Vereinigten Staaten vorziehen.
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass David Cameron, der erfolgsversprechende Kandidat der konservativen Opposition, sich letzten Monat in einer Rede von der US-Außenpolitik distanziert und den Vereinigten Staaten die Schuld für den aufflammenden Antiamerikanismus gegeben hat:

And we [US und GB, j.] must recognise something else – that the way we have tried to meet these challenges over the past five years has had an unintended and worrying consequence. It has fanned the flames of anti-Americanism, both here in Britain and around the world.
[…]
But we will serve neither our own, nor America’s, nor the world’s interests if we are seen as America’s unconditional associate in every endeavour. Our duty is to our own citizens, and to our own conception of what is right for the world. We should be solid but not slavish in our friendship with America. (conservatives.com)

Der Parlamentarier John Denham, Vorsitzender des Home Affairs Select Committee, geht noch einen Schritt weiter und macht Israels Politik dafür verantwortlich, dass Großbritannien zum Ziel von Terroristen geworden ist.
Hier wird endgültig klar, dass der größte Einzelfaktor, der den britischen Antiamerikanismus „begründet“, Israel ist:

Despite being the target for more than half a century of genocidal Arab and Muslim aggression, Israel is widely perceived in Britain as the regional bully, and its acts of self-defense are viewed as the principal motor behind both the Middle East impasse and Islamic grievance because of its supposed refusal to allow the Palestinians to have a state of their own. (USA Today)

Der Report des Parliamentary Committee Against Anti-semitism über ansteigenden Antisemitismus in Großbritannien (ich berichtete) und die Veröffentlichung des Essays „The Israel Lobby“ mit einem entsprechend widerwärtigen Cover im Independent (ich berichtete ebenfalls: 1, 2, 3, 4) machen deutlich, wie untrennbar Antisemitismus und Antiamerikanismus auch hier verknüpft sind. Vor allem bestätigen die Umfrageergebnisse der Times und des Spectator Magazine aber erneut, was zuvor schon klar war: Auch in Großbritannien ist Antiamerikanismus (und Antisemitismus) auf dem Vormarsch, das Bild des „Pudels der USA“ ist längst nicht mehr aktuell.

Habermas schluckt

Der Hitler- und Speerbiograf Joachim Fest wirft dem Philosophen Jürgen Habermas in seiner jüngst erschienenen Biografie „Ich nicht“ vor,

ein dem Regime in allen Fasern verbundener HJ-Führer (Die Presse)

gewesen zu sein. Das ist ja mehr oder weniger hinlänglich bekannt. Mir war aber folgende, ebenfalls in „Ich nicht“ abgedruckte und von Jürgen Busche in der Zeitschrift Cicero aufgegriffene, Anekdote neu:

Auf einer Geburtstagsfeier in den achtziger Jahren habe ein ehedem Untergebener ihm [Habermas, j.], als seinem früheren HJ-Vorgesetzten, ein von diesem im Frühjahr 1945 verfasstes Schreiben über den Tisch gereicht, das ein leidenschaftliches Bekenntnis zum Führer und die unerschütterliche Erwartung des Endsieges enthielt. Ohne einen genaueren Blick auf das Schriftstück zu werfen, so geht die Geschichte nach dem Zeugnis mehrerer Teilnehmer und Eingeweihter weiter, habe der Angesprochene das Papier zerknüllt, in den Mund gesteckt und nicht ohne einiges Herauf- und Herunterwürgen geschluckt. Man mag darin eine Art Schadensabwicklung sehen, die Belastungen der Vergangenheit für sich persönlich loszuwerden. (Cicero)

Interessant. Ich persönlich hatte übrigens auch oft das Bedürfnis, die Theorie des kommunikativen Handelns aufzuessen, ohne einen Blick darauf zu werfen. War mir leider nie vergönnt.

GürgenHabermas (rechts) reagiert auf die Vorwürfe ebenso umgehend wie vorhersehbar und schreibt einen Leserbrief an Cicero: alles politische Hetze, Denunziation, die

das durchsichtige Ziel verfolgt, zusammen mit Grass eine unbequeme Generation von Intellektuellen abzuräumen, die sich für die selbstkritische Vergewisserung des Traditionshintergrundes der – auch und vor allem – in akademischen Schichten verbreiteten Zustimmung zur NS-Herrschaft eingesetzt hat.
[…]
Ich hatte schon aufgrund meiner Behinderung keine Chance, mich als jugendlicher mit der herrschenden Weltanschauung zu identifizieren. (Cicero)

Aha. Glück im Unglück sozusagen.

An dieser Stelle bringt sich der Publizist Rüdiger Safranski in das mediale Spielchen ein und kritisiert wiederum Habermas, weil dieser Fest „in die Nähe des ideologischen Nazismus“ bringe und so weiter und so fort.

Im Sinne aller Beteiligten (inklusive Cicero) dürfte das wahrscheinlich noch lange so weitergehen. Vielleicht könnte sich noch irgendwer zu Wort melden, dem immer was einfällt. Uli Wickert, Ratzinger oder Jürgen Trittin. Oder F. J. Wagner greift das Thema morgen in „Post von Wagner“ auf:
„Lieber Jürgen Habermas, …“

Dieser Zickenkrieg enthält jedenfalls einige interessante Punkte, auf die man eingehen könnte:
- Konfliktpotential der individuellen Positionen von Habermas, Fest usw.
- (nicht) existierende Paralellen bei HJabermas und GraSS
- 3. Halbzeit des Historikerstreits
- ADS aller Beteiligten
Aus Zeitmangel/Desinteresse spare ich mir aber eine genauere Beschäftigung und belasse es bei diesem launigen Beitrag. Ach ja, die wenig originelle Überschrift tut mir leid. Das war eine Steilvorlage, die ich einfach verwandeln musste.

Sonny Rollins and Jim Hall gettin‘ loose – „The Bridge“

Arsenal 1 – 1 Everton. „Anti-Football“. 7 Punkte. Fuck.

„In antisemitischer Gesellschaft“

Ein bisschen Werbung:

Ein Reader zweier Veranstaltungsreihen in den Jahren 2005/2006 in Darmstadt, Erlangen und Frankfurt am Main. HerausgeberInnen sind die Initiative gegen Antisemitismus und Rassismus in Europa (Jugare, Erlangen/Nürnberg) und die Gruppe zur Bekämpfung des Antisemitismus heute (Frankfurt/M.).

Inhalt:
reader- Einleitung (Florian Öchsner / Lutz Eichler)
- Der Alltag des Antisemitismus (Lutz Eichler / Marion Müller Kirchof)
- Der moderne Antisemitismus (Thomas Haury)
- Die Dramaturgie des Selbstopfers. Antisemitismus im deutschen Film nach 1945 (Tobias Ebbrecht)
- Hass auf die Juden als Bereitschaft zum Opfer. Über den Antisemitismus (Gerhard Scheit)
- Die friedfertige Antisemitin? Kritische Theorie über Geschlechterverhältnis und Antisemitismus (Ljiljana Radonic)

Aus dem Vorwort:

Brandanschläge, Schändungen jüdischer Friedhöfe, Gewalttaten und Hass-Seiten im Internet: Seit einigen Jahren steigen antisemitische Straftaten ebenso wie aggressive Äußerungen gegen Juden, Israel und die USA; Weltverschwörungstheorien mit aufgewärmten Stereotypen erleben eine Konjunktur. So scheint es verstärkt notwendig, über die Vorfälle sowie das dafür verantwortliche Denken und Fühlen aufzuklären.

Um auf die neue Qualität des Antisemitismus aufmerksam zu machen und die Funktionen der Ideologie zu erhellen, hat die studentische Initiative gegen Antisemitismus und Rassismus in Europa (Jugare) im Juni 2005 eine Veranstaltungsreihe in Erlangen organisiert. Ein ähnliches Projekt führte dann die Gruppe zur Bekämpfung des Antisemitismus heute zum Jahreswechsel 2005/2006 in Darmstadt und Frankfurt durch.

Die Vorträge von Expertinnen und Experten aus Soziologie, Politologie, Filmwissenschaft und Publizistik bezogen sich thematisch auf Ausstellungstafeln der Amadeu-Antonio-Stiftung aus Berlin, mit dem Titel „Eine alltägliche Bedrohung – aktueller Antisemitismus in Deutschland und Europa.“

Die Broschüre vereint eine Auswahl von Beiträgen der Expertinnen und Experten die in Erlangen, Darmstadt und Frankfurt im Rahmen der Veranstaltungsreihen vorgetragen haben. Den Autoren ist gemeinsam, dass sie Antisemitismus weder als Phänomen sozialer oder politischer Randgruppen ansehen, noch als einen mangelhaften Dialog zwischen kulturellen oder religiösen Gruppen. Er muss auf gesellschaftliche und damit zugleich auf politische und psychische Strukturen und Prozesse zurückgeführt werden.

Antisemitismus ist ein irrationaler Wahn und schließt doch an tatsächlich bestehende ökonomische, soziale und politische Phänomene, an Krisen und Verwerfungen der Moderne an – er entspringt ihnen und lässt sich doch nicht kausal auf sie zurückführen. Adorno und Horkheimer waren überzeugt: Wer Antisemitismus annähernd erklären will, muss Gesellschaft erklären.

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Der Reader kostet 2 Euro. Bestellungen über:
jugare [at] web.de
lutz.eichler [at] gmx.de