Archiv für Juli 2006

Imre Kertész über europäischen Antisemitismus

Imre KertészDer 1929 in Budapest geborene Schriftsteller und Nobelpreisträger Imre Kertész spricht in der ungarischen Zeitung Élet és Irodalom („Leben und Literatur“) über europäischen Antisemitismus. Hier ein von eurotopics übersetzter Auszug:

Eine neue und wirksame Möglichkeit des Antisemitismus ist in demokratischen Staaten die Kritik an Israel – vor allem, wenn Israel wirklich Anlass zur Kritik gibt, was übrigens auch bei anderen Staaten vorkommt, die nicht um ihre Existenz kämpfen müssen. Eine Sprache wurde entwickelt, die ich Euro-Antisemitismus nenne. Für einen Euro-Antisemiten ist es kein Widerspruch, der Opfer des Holocausts in tiefer Trauer zu gedenken, aber gleich im nächsten Satz unter dem Vorwand der Israel-Kritik antisemitische Äußerungen von sich zu geben. Man hat es schon so oft wiederholt, dass es fast zum Klischee wurde: Die Erinnerung an den Holocaust ist notwendig, damit er nie wieder geschehen kann. Aber seit Auschwitz ist eigentlich nichts passiert, was ein neues Auschwitz unmöglich macht. Im Gegenteil. Vor Auschwitz war Auschwitz unvorstellbar, heute ist es das nicht mehr. Da Auschwitz tatsächlich geschehen ist, hat es unsere Fantasie durchdrungen und wurde ein fester Bestandteil von uns. Das, was wir uns vorstellen können, weil es in Wirklichkeit geschehen ist, kann wieder geschehen. (eurotopics)

Die Beastie Boys arbeiten angeblich an einem neuen Album. Bis jetzt sind weder Veröffentlich- ungsdatum noch Titel bekannt. Ich freu mich jetzt schon darauf!

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titanic cover

Das Ende der Aryan Brotherhood ?

Aryan Brotherhood LeadersIn Santa Ana, Kalifornien, sind vier Mitglieder der mit Aryan Nations in Verbindung stehenden Gefängnisgang Aryan Brotherhood (AB) wegen mehrfachen Mordes verurteilt worden. Die beiden im Hochsicherheitstrakt sitzenden Bosse Barry „The Baron“ Mills (oben) und Tyler „The Hulk“ Bingham (unten) wurden zum Tode verurteilt. Der Prozess ist der erste Teil einer von der US-Regierung geplanten Aktion gegen Gefängnisgangs, deren Hintergrund auch die massive Überfüllung der Gefängnisse und damit zusammenhängende Ausschreitungen sind. Gegen die AB sind weitere Prozesse im Herbst geplant, insgesamt wurden 40 Mitglieder festgenommen, von denen 16 die Todesstrafe droht.

Die AB wurde in den frühen 60ern im Hochsicherheitstrakt von San Quentin, Kalifornien, gegründet. Als eine der wenigen Gangs in den USA ist die AB deshalb ihrem Ursprung nach eine reine Gefängnisgang. Es wird vermutet, dass sich irische Biker und zumeist europäische Neonazis mit dieser Gang gegen die auf die Black Panthers zurückgehende Black Guerilla Family behaupten wollten.
Zwar war die AB lange Zeit nicht so systematisch organisiert wie andere Gangs, etwa die Bloods oder die Crips, aber an Gewalttätigkeit standen und stehen sie diesen in nichts nach. Ihre rassistische Ideologie hat die AB bei Bedarf etwas aufgeweicht, zeitweise kooperierte man sogar mit der Mexikanischen Mafia. Das Ziel wurde dabei aber nie aus den Augen verloren: Es ging immer um die Ansammlung von Macht bzw. rassistisch „begründeter“ Dominanz, zu erreichen durch Betrug, Erpressung, Drogen- und Waffenschmuggel oder Morde.
Während andere Gangs ihre Mitglieder in erster Linie aus dem „Frischfleisch“, also neuen Insassen, rekrutieren, konzentriert sich die AB auf die Fähigsten, also Brutalsten. Für den Kronzeugen in dem Prozess, einen hochrangigen AB-Überläufer, war die Logik der Gang:

[…] like the Army…. The best of the best get together. (LA Times)

Die ausschließlich „arischen“ neuen Mitglieder leisten dann, nachdem sie sich in einem Probejahr durch allerhand Loyalitätsbekundungen bis hin zum Mord bewährt haben, folgenden Schwur ab:

An Aryan brother is without a care,
He walks where the weak and heartless won’t dare,
And if by chance he should stumble and lose control,
His brothers will be there, to help reach his goal,
For a worthy brother, no need is too great,
He need not but ask, fulfillment’s his fate.
For an Aryan brother, death holds no fear,
Vengeance will be his, through his brothers still here.
(The New Yorker)

Nachdem besonders während der 80er Jahre eine massive Expansion der AB zu beobachten war, konnte man eine beachtliche Strukturiertheit vorweisen. Die Aktivitäten wurden auch außerhalb der Haftanstalten ausgebaut, außerdem bestehen nun zwei Teilstrukturen der AB, von denen eine für die kalifornischen, die andere für die Bundesgefängnisse1 zuständig ist. 1980 formte letztere sogar eine dreiköpfige Kommission, um die Aktivitäten der Gang zu koordinieren.
Nachdem das FBI 1982-1989 gegen die AB ermittelte, wurden in den 90ern viele Anführer der inzwischen in ganz Amerika vertretenen Gang in Hochsicherheitstrakten untergebracht. Die Aktivitäten konnten damit jedoch nicht eingeschränkt werden. Dies soll sich mit dem Versuch der US-Regierung, in einer umfassenden Reihe von Gerichtsverfahren die Köpfe vieler Gefängnisgangs zu inhaftieren bestrafen, ändern. Ob sich die AB von der Hinrichtung der beiden wichtigsten Köpfe erholen kann, bleibt abzuwarten.

  1. In den USA existieren das bundes- und die einzelstaatlichen Systeme separat. [zurück]

Ganz gute Kolumne in der Welt: „Merkwürdige Allianzen. Linke gegen Israel“:

Die Verbrüderung mit den Dschihadisten, die Blindheit gegen deren offene Bekenntnisse zu antihumanen Zielen und Methoden kennzeichnen einen Tiefpunkt linker Verwirrung. Das identitätsstiftende antifaschistische Pathos ist zur folkloristischen Tünche verkommen. (Welt)