Archiv für Mai 2006

What the fuck is academic freedom?

Gestern hat in England die 64.000 Mitglieder starke National Association of Teachers in Further and Higher Education (NATFHE) eine Resolution verabschiedet, nach der israelische Akademiker und akademische Einrichtungen boykottiert werden können und sollen, sofern sie sich nicht von der Politik Israels distanzieren. Grund:

„Continuing Israeli apartheid policies, including construction of the exclusion wall and discriminatory educational practices.“ (Quelle)

Das muss man sich mal vorstellen: man wird als israelischer Wissenschaftler einer Gesinnungsprüfung unterzogen, und wenn man sich nicht von der, ganz nebenbei völlig falsch dargestellten, Politik seines Landes distanziert, wird man boykottiert.
Nicht sehr überraschend bekommt die NATFHE Zuspruch von der Federation of Unions of Palestinian University Professors and Employees:

„Israeli research institutes, think tanks, and academic departments have granted legitimacy to the work of academics who advocate ethnic cleansing, apartheid, denial of refugee rights, and other discriminatory policies against the Palestinians.“ (hier)

Unklar ist aber, wie lange der Boykottaufruf Gültigkeit hat, weil in drei Tagen die NATFHE mit der Association of University Teachers (AUT) fusionieren wird. Da die AUT einen ähnlichen Aufruf aber schon letztes Jahr starten wollte (diesen aber wegen internationaler Proteste zurückgezogen hat), kann man „zuversichtlich“ sein, dass sich die beiden Organisationen in diesem Punkt schnell einigen.

Passenderweise hat am Samstag in Kanada die größte Gewerkschaft im öffentlichen Sektor, Canadian Union of Public Employees (CUPE), mit großer Mehrheit beschlossen, eine internationale Kampagne zum Boykott und zur Sanktionierung Israels zu unterstützen. Auch hier vergleicht man Israels Politik mit der von Apartheidsregimen, wie Katherine Nastovski, chairwoman des CUPE Ontario international solidarity committee, zeigt:

“Boycott, divestment and sanction worked to end apartheid in South Africa. We believe the same strategy will work to enforce the rights of Palestinian people, including the right of refugees to return to their homes and properties.” (Quelle)

CUPE wird unter anderem eine „Aufklärungs“kampagne starten, die sich z. B. mit der politischen und ökonomischen Unterstützung befasst, die Israel von Kanadas Regierung erhält. Die Aktion wird auch von vielen nordamerikanischen Kirchen unterstützt.

Kotzen

könnte ich, wenn ich lese, was für einen zwischen frommer Scheinheiligkeit und Revisionismus wechselnden Dreck Ratzinger in Auschwitz abgelassen hat:

„Ich stehe hier als Sohn des deutschen Volkes
[…]
als Sohn des Volkes, über das eine Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen, mit der Verheißung der Größe, des Wiedererstehens der Ehre der Nation und ihrer Bedeutung, mit der Verheißung des Wohlergehens und auch mit Terror und Einschüchterung Macht gewonnen hatte, so dass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht werden konnte.“ (Quelle)

Das arme deutsche Volk (dessen Sohn Ratzinger ist), missbraucht und instrumentalisiert von einer fremden, unbekannten Macht. Mir kommen die Tränen.

„Die Machthaber des Dritten Reiches wollten das jüdische Volk als ganzes zertreten, es von der Landkarte der Menschheit tilgen; … Im tiefsten wollten jene Gewalttäter mit dem Austilgen dieses Volkes den Gott töten, der Abraham berufen, der am Sinai gesprochen und dort die bleibend gültigen Maße des Menschseins aufgerichtet hat. (ebd.)“

Und nochmal: natürlich waren es einige wenige Machthaber, die das Volk hinterlistig für ihre Zwecke missbrauchen konnten, um die Juden nicht als Juden, sondern als Mitglieder der einen, großen Religionsfamilie (der natürlich auch die deutschen Christen angehören) auslöschen zu können.

Natürlich überrascht es nicht, solche Worte von dem deutschen Oberhaupt der Kirche zu hören, aber deswegen ist es nicht weniger ekelhaft.

DIY-Vinyl

DIY-VinylNachdem aus dem mp3- und Filesharingbereich nichts, aber auch gar nichts Gutes zu hören ist, hier ein netter Tipp von der Zeit zur Vervielfältigung von Musik:

Kopier‘ die Plattensammlung deines Kumpels!
Dauert nur zwei Tage und man ist mit moderaten 60,- pro Stück dabei.
Ein paar Holzleisten, eine bisschen Fensterkitt, etwas Silikon (wichtig: entweder 00M00 30 oder 00M00 25!), Farbpigmente, eine Packung Kunstharz und zum Schluß noch eine Glasplatte und schon ist das Wochenende gerettet!
Ich kann mich von einem Selbstversuch gerade noch abhalten, es gibt glaube ich nur wenige Sachen, die noch sinnloser sind.

Vous-faîtes ça comment?

Zerschlagene Scheiben, brennende Autos, besetzte Gebäude: französische Studenten sind bei der Durchsetzung ihrer Forderungen wenig zimperlich. Über Monate präsentieren sie sich derartig hartnäckig, dass der Premierminister zum Einknicken gebracht und die Lockerung des Kündigungsschutzes verhindert wird. Dagegen wirken die Proteste (z. B. gegen Studiengebühren) in Deutschland bestenfalls harmlos.
Als Die Zeit vor einigen Wochen einen Heidelberger Studenten fragt, ob er neidisch auf die französische Protestkultur sei, antwortet dieser mustergültig und repräsentativ:

„Neidisch bin ich nicht. Ich bin zwar hier einmal oder zweimal bei einer Demo mitgelaufen. Aber eher, weil sie direkt vor meiner Tür entlangging. Da konnte ich nicht anders. Gestern war ich wieder an der Uni. Zum Studieren, nicht zum Blockieren.“ (hier)

Die Proteste gegen die Arbeitsmarktreform in Frankreich haben gezeigt, wie wirkungsvoll Studentenproteste sein können. Woher also bezieht die französische Génération Précaire ihr Potential, und was kann die Generation Praktikum in Deutschland von ihr lernen?

Zuerst hilft ein Blick in die Vergangenheit, in der sich die Werte der beiden Gesellschaften generierten.
In Frankreich prägt die Revolution von 1789 bis heute das Selbstverständnis der Menschen. Durch den vom Bürgertum initiierten Umsturz wurde die absolute Monarchie von der Republik abgelöst. Seither ist in Frankreich eine hohe Bereitschaft zu Protesten zu beobachten, die der Soziologe Alain Touraine so zusammenfasst:

„Wie immer möchten die Franzosen wegen kleiner Veränderungen gleich einen Bürgerkrieg anzetteln.“ (dort)

In Deutschland hat es keine Revolutionen von unten gegeben. Schon in Preußen blickten die braven Untertanen zu den Autoritäten auf, Traditionalismus, Militarismus und Romantizismus beherrschten das Denken. Bis heute ist das Verhältnis zwischen Regierung und Bevölkerung autoritär-hierarchisch geblieben: Die Regierung verkündet, was zu tun ist und die Bevölkerung beeilt sich, den Anweisungen Folge zu leisten. Der „kleine Mann“ ist bemüht, sein Umfeld in Ordnung zu halten und keine Aufmerksamkeit bei den Nachbarn zu erregen. Nur die mittlerweile durch die Institutionen marschierte 68er-Generation probte in Zeiten sozialer Sicherheit für einige Jahre den Aufstand. Heute zucken die Studenten nur noch mit den Schultern, der Aufschrei bleibt aus.

Neben der Geschichte gibt es eine zweite Ungleichheit, die für das differente Verhalten der Studenten relevant ist. In Frankreich ist die Unilandschaft, wie von Bourdieu im Staatsadel dargelegt, eine Zwei-Klassengesellschaft. Reiche Kinder besuchen die Eliteuniversitäten des Landes, so genannte Grandes Écoles. Die Kaderschmieden bilden ein in sich geschlossenes System, in dem die Elite des Landes reproduziert wird. An den vier großen Grandes Écoles können sich die 3000 Studenten nach ihrem Abschluss aussuchen, in welcher Spitzenposition sie arbeiten wollen. In einer ansonsten trostlosen Landschaft der französischen Universitäten, die ebenso aus allen Nähten platzen und ebenso wenig Geld haben wie die deutschen, sind die Grandes Écoles die Insel der Seligen. Ihre Studenten sind auch nicht auf die Straße gegangen.
Der restliche Großteil der französischen Universitäten entlässt seine Absolventen mit Ausbildungen, die kaum noch gefragt sind. Der Markt für Akademiker wird immer kleiner, viele Uni-Absolventen müssen sich mit Zeit- und Aushilfsverträgen über Wasser halten. Der Illusion, einmal ein hohes Amt zu bekleiden, gibt sich niemand hin.
Ein weiterer Aspekt, der eine Spekulation wert ist, wäre die zeitliche Nähe zwischen den Unruhen in den Banlieues und den Studentenprotesten. Auch wenn die beiden Proteste nichts gemein haben, scheint es, als hätten sich die Studenten einige Monate zuvor abgeschaut, wie man die mediale Aufmerksamkeit und Wirkung seiner Anliegen maximiert: indem man über einen möglichst langen Zeitraum möglichst radikal vorgeht. In dieser Hinsicht ist es eine Ironie des Schicksals, dass die Studenten mit von den Bewohnern der Vorstadtghettos abgeschauten Praktiken genau die politische Maßnahme erfolgreich bekämpft haben, die eine Spontanreaktion der Regierung war, um in den Banlieues die Jugendarbeitslosigkeit zu senken: die Lockerung des Kündigungsschutzes.

Die tiefsitzende Verunsicherung bezüglich der eigenen Zukunft, gepaart mit der historischen Revolutionsfreudigkeit und der Inspiration durch die Ausschreitungen in den Banlieues ist ein Ansatzpunkt, um den anhaltenden und entschiedenen Protest in Frankreich zu erklären.
Obwohl die Berufsaussichten für Akademiker in Deutschland nicht besser sind, verspüren nur wenige Studenten die französische Wut auf das System. Die guten Jahre sind wohl vorbei, denken sie sich in Deutschland – und internalisieren nach altbekanntem Muster stillschweigend die geforderten Tugenden wie Mobilität und Flexibilität1.

Dass es anders geht, haben die Franzosen vorgemacht. Hiesigen Schüler- und Studentenorganisationen wurde gezeigt, dass Streiks und wochenlange Massendemonstrationen Erfolg haben können. Trotzdem deutet nichts darauf hin, dass die Generation Praktikum von ihrem Nachbarn lernen will – sie schreibt lieber fleißig Bewerbungen für unbezahlte Praktika.

  1. Ich schließe mich hier ohne Einschränkung mit ein. [zurück]

Lecker Eis mit Pommes

In den letzten Jahren haben Synthie-Sounds im Hip Hop wieder große Bedeutung erlangt – man denke nur an den Südstaaten Crunk von Lil Jon, an Dizzee Rascal oder natürlich an die Neptunes. Und auch vom englischen Label Big Dada ist man durch Acts wie Roots Manuva eher unkonventionellen Hip Hop gewohnt.
Doch was hier von Spank Rock serviert wird, ist anders. Das hier ist keine Novelle Cuisine von Pharell Williams, kein Gaumenschmeichler von Roots Manuva und kein leckeres Fast Food von Lil’ Jon. Das Debutalbum YoYoYoYoYo ist wie Pommes mit Eis: im ersten Moment vielleicht irritierend, danach läuft einem das Wasser im Mund zusammen.

Die Jungs aus Baltimore lassen die Atari-Synthies krachen, knarzen und kreischen und decken dabei eine enorme musikalische Bandbreite ab, die ihre Hip Hop-Wurzeln aber nie verleugnen kann. Die vom Hip Hop bereits bekannten inhaltlichen Anzüglichkeiten hören nicht beim Bandnamen („to spank“ – auf den Hintern klapsen) auf, und sie werden von einem MC präsentiert, der stimmlich stark an Q-Tip erinnert.

Mit ein wenig musikalischer Experimentierfreude schmeckt einem Spank Rock hervorragend und die anfängliche Irritation weicht einem zufriedenen Kopfnicken. Bei Liedern wie „Backyard Betty“, „Touch Me“ oder „Bump“ keimt die Hoffnung, dass dieser innovative Electro-Hip Hop seinen coolen aber einfallslosen Genre-Kollegen mal kräftig den Hintern versohlt.