Archiv für April 2006

„Man wird doch wohl noch…“

In der Literaturzeitschrift „London Review of Books“ ist im März ein Essay von Stephen Walt (Harvard University) und John Mearsheimer (University of Chicago) erschienen. Der Titel „The Israel Lobby“ verrät, dass die üblichen Mutmaßungen angestellt werden: die amerikanische Außenpolitik träfe seit Jahren Fehlentscheidungen, weil sie von einer starken Interessenvertretung beeinflusst sei, eben jener „Israel Lobby“. Außerdem liege, so eine weitere Aussage des Essays, die jahrzehntelange, unkritische Unterstützung Israels nicht im Interesse der USA. Durch die „Israel Lobby“ führen die USA Kriege, die nicht in ihrem Interesse sind:

„[T]he Lobby’s campaign for regime change in Iran and Syria could lead the U.S. to attack those countries, with potentially disastrous effects. We don‘t need another Iraq.“

Im Grunde genommen also eine ziemlich alte Verschwörungstheorie nochmal aufgewärmt. Das mediale Echo auf den Essay war groß und grösstenteils kritisch. Das hält Tony Judt1 in der SZ (Artikel ist online leider nicht frei verfügbar) und Robert Fisk im Independent (Artikel hier) nicht davon ab, den Text abzufeiern.

Tony Judt wischt letzten Freitag in der SZ kritische Reaktionen auf den Essay lässig vom Tisch:

„Der Essay hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst; der Vorwurf des Antisemitismus steht im Raum. Diese hysterische Reaktion ist beklagenswert.“

Beklagenswert ist eher, dass der Text von Mearsheimer/Walt für Judt unter anderem dadurch legitimiert wird, dass

„ausgerechnet in Israel selbst die unbequemen Fragen am intensivsten durchleuchtet wurden, die Mearsheimer und Walt stellten.
[…]
Was nun? Sollen wir auch Israelis vorhalten, sie seien „Anti-Zionisten“?“

Ja, warum denn nicht? Judt scheint durch das permanente und ausschließliche Zitieren von Israelis eine Immunität gegen Antisemitismus- bzw. Antizionismusvorwürfe zu erwarten.

Unter der originellen Überschrift „The United States of Israel“ ehrt Robert Fisk letzten Donnerstag die Autoren des Essays als mutige Helden. In dem vier Seiten langen Artikel behauptet er, „die Lobby“ würde israelkritische Intellektuelle überwachen und dafür sorgen, dass Noam Chomsky keine Kolumne in einer amerikanischen Zeitung bekommt. „Die Lobby“, so Fisk, zieht die Fäden in Medien, Wirtschaft und Politik, und hat natürlich auch ihn auf dem Gewissen:

„Twelve years ago, one of the Israeli lobby groups that Mearsheimer and Walt fingers prevented any second showing of a film series on Muslims in which I participated for Channel 4 and the Discovery Channel“

Die Titelseite des Independent zierte soweit ich weiß vor einigen Jahren mal ein Baby-essender Sharon, und auch diesmal war man sich nicht zu schade, in die unterste Schublade zu greifen:

Die Verbreitung dieser Verschwörungstheorie mit der scheinheiligen Verteidigung, man werde doch wohl noch kritisieren dürfen ohne in die antisemitische Ecke gestellt zu werden, zu legitimieren, ist ein bewährtes Muster.
Übrigens fanden Mearsheimer/Walt nicht nur von Judt und Fisk Zuspruch, auch der Rassist und Ex-KKK-Leader David Duke

„called the paper „a great step forward,“ but he said he was „surprised“ that the Kennedy School would publish the report.“ (hier weiter)

Eine Auswahl an weiteren Reaktionen auf den Essay, zusammengestellt von der Washington Post:
Harvard Law professor Alan M. Dershowitz:

„These are two serious scholars and you need to expose what they have done as ignorant propaganda.“ (Jerusalem Post)

Dennis Ross, President Clinton’s Middle East envoy:

„It is basically a series of assertions. They quote only those people who basically have this point of view and don‘t take a serious look at anything in a more profound way. It is masquerading as scholarship.“ (New York Sun)

Rosner’s Blog:

„The new study . . . presents an interesting dilemma to the writer: Do you ignore it — having concluded it is biased, one-sided, foolish, repetitive, and most of all, has nothing new to offer — or do you write about it, knowing that the ‚Harvard,‘ ‚Chicago,‘ ‚professors,‘ ‚Kennedy School‘ labels will make it acceptable anyway, even newsworthy, in the eyes of many. In short: Does one need cooperate with the advancement of the cause of academic garbage?“ (Haaretz.com)

David Duke (sic!):

„It is quite satisfying to see a body in the premier American university essentially come out and validate every major point I have been making since even before the war even started.“ (New York Sun)

Danieldrezner.com :

„Walt and Mearsheimer should not be criticized as anti-Semites, because that’s patently false. They should be criticized for doing piss-poor, monocausal social science.“

Committee for Accuracy in Middle East Reporting in America:

„Even a cursory examination of ‚The Israel Lobby and U.S. Foreign Policy‘ reveals that it is riddled with errors of fact, logic and omission, has inaccurate citations, displays extremely poor judgment regarding sources, and, contrary to basic scholarly standards, ignores previous serious work on the subject.“

  1. Britischer Historiker, leitet das Remarque Institute for European Studies an der New York University [zurück]

Komische Kundschaft

Schon witzig, dieses Google-Ding. Bei meinen Referern habe ich gesehen, dass jemand durch die Google-Suche „brasilianischer Sex“ auf diese Seite (angezeigt auf Suchergebnisseite 1!) gekommen ist.

Was sagt uns das?
1. Eine alte Erkenntnis wird bestätigt: es lohnt sich bezüglich der Zugriffszahlen, hin und wieder zugkräftige Begriffe wie Sex, Gewalt, Action, Titten, Hitler, SM, Penis usw. in die Texte einzubauen. Das haben ja mittlerweile alle geschnallt, von Bloggern über die Bild-Zeitung bis zum Spiegel.

2. Liebhaber von brasilianischem Sex(?) müssen auf ein spärliches Angebot zurückgreifen, sonst würde meine Seite nicht so früh angezeigt werden.

Buchreport – Der Zauberberg

zauberbergIch habe befürchtet, dass es mir beim Zauberberg geht wie bei den Buddenbrooks – irgendwann hat man einfach genug von der Lübecker Kaufmannsfamilie und ihrem Getue, das Buch hat streckenweise echte Hänger. Der Zauberberg ist genau so umfangreich, dazu kommt, dass in dem Buch sehr wenig „passiert“ – im Grunde genommen kann man die Handlung in wenigen Sätzen zusammenfassen:
Der aus einer Patrizierfamilie stammende Hans Castorp lebt sieben Jahre in einem Luxussanatorium für Lungenkranke, ohne selbst ernsthaft krank zu sein. Da er viel Zeit hat, denkt er viel nach, philosophiert mit seinen Mitpatienten und verliebt sich. Wenn man sich vorstellt, dass dieser Stoff auf fast 1000 Seiten gestreckt ist, könnte man eigentlich den einen oder anderen Hänger erwarten.
Aber Thomas Mann schafft es mit seinem filigranen Erzählstil, einfache Handlungen (z. B. das Einwickeln in eine wärmende Decke) zu einem Ereignis werden zu lassen, das in eleganter und verästelter Weise viel über den Handelnden aussagt. Er beschreibt seine Figuren mit einer ganz feinen Ironie: immer wieder wird man auf spitze, witzige und etwas verklausulierte Art daran erinnert, wie einfach, durchschnittlich und anspruchslos Hans Castorp ist.
Auf den letzten hundert Seiten war ich noch etwas irritiert, weil die Insassen des Sanatoriums plötzlich Gläserrücken spielen, und zwar erfolgreich. Es erscheinen also Tote aus dem Jenseits, und obwohl der Protagonist Castorp dem eher ablehnend gegenüber steht, distanziert sich Thomas Mann als lyrisches Ich überhaupt nicht davon. Er wendet das Wort als allwissender Erzähler recht oft an den Leser, rein „technisch“ wäre das also möglich gewesen. Egal, das hat mich nur irritiert, weil es nicht in das Buch passt, plötzlich so unkritisch vom Gläserrücken zu schreiben.
Ansonsten ist es wohl nicht sonderlich gewagt oder mutig, dieses Buch zu loben und zu empfehlen – das haben schon mehrere Leute vor mir getan. Aber ich tue es trotzdem. Einer der besten Romane die ich je gelesen habe glaube ich, hat Spaß gemacht.

Helge Schneider über Pimmel

„Jungs bekommen einen fiesen, lapperigen, von vornherein unansehnlichen, mit einer hässlichen Zierleiste versehenen, haarigen, mit gekraust, gekrüllten, mit abgeknickten Haaren versehenen, mit vereinzelt gesähten Haaren versehenen, faltigen, alten Dauersack. Mit Eier drin und Sacksuppe. – Wohin damit, wohin damit? Ständig sitzt man da drauf. Sitzt man auf einem Barhocker, will sich mit seiner Freundin so unterhalten, Zigarette ganz cool, zack sitzt man auf dem Ding. Und das tut weh, und das tut höllisch weh, als hätte eine Ratte da rein gebissen – oder sogar ein Salamander.“ (Wikiquote)

Kid Alex – Restless

Im Zuge meiner Begeisterung für das Mr. Oizo-Album „Moustache (Half a Scissor)“ habe ich mich mal eingehender mit dem DJ beschäftigt, der mich auf dieses Goldstück elektronischer Musik gebracht hat: Kid Alex. Der aufmerksame Leser (bei der Qualität meiner Beiträge ist das natürlich ein, hüstel, Pleonasmus) wird wissen, dass Kid Alex in der letzten hr-clubnight aufgelegt hat. Und zwar ziemlich gut.
Deswegen habe ich mir sein aktuelles Album „Restless“ mal in der limited edition (merken, wird später noch wichtig) zu Gemüte geführt. Wie nicht anders zu erwarten ein Fest für die Ohren. Die Tracks auf CD1 sind vielleicht mit Bloc Party im Disko-Gewand zu vergleichen: eingängige Melodien, die Boxen werden von locker-flockigen Beats umspült. Vielleicht kann man den Stil als intelligenten Pop bezeichnen? Keine Ahnung. Songtitel wie „true to you“, „into you“ (großartig!) oder „all or nothing“ lassen erahnen, dass die Texte nicht sonderlich in die Tiefe, aber dafür umso mehr in die Hüfte gehen. Auf CD2 findet man Remixe der Songs (na, aufgepasst? das dürfte dann der limited edition-Bonus sein), unter anderem von Kid Alex selbst, 808 State (die ihrem Namen mal wieder alle Ehre machen), Boys Noize, Egoexpress und Les Visiteurs. Die besten Remixe sind hier aber von Kid Alex selbst. Insgesamt sind die Tracks dieser CD, wie die Remixer vermuten lassen, viel härter und elektronischer – also guuuut!
restlessWeiterhin spricht auch das schicke Artwork für das Album, auch die Homepage ist ganz schön gemacht finde ich.

Frustrierend ist, dass ich, entgegen meiner vollmundigen Ankündigung, vorerst weder „Moustache (Half a Scissor)“ noch „Restless“ kaufen kann. Zum einen, weil ich die Alben weder bei meinem örtlichen Plattenladen kaufen oder bestellen kann, und auch Ebay.de bzw. Ebay.co.uk führt derzeit kein Angebot. Zum anderen, und das ist viel frustrierender, weil ich mir eine eventuelle Kaufgelegenheit sowieso durch die Lappen gehen lassen müsste: der Monat – ach was, das Quartal! – wird unter dem Motto „Knietief im Dispo“ beendet…