Demokratie ist Bullshit

Harry G. Frankfurt, Philosoph, Princeton-Professor und Autor einer sich gut verkaufenden Erläuterung des Begriffes Bullshit, ist mir auch so einer:

Die Demokratie befördert ganz sicher die Produktion von Bullshit, weil Menschen in einer Demokratie zu dem Gedanken ermutigt werden, sie müssten sich über alles eine eigene Meinung bilden, und damit eben auch über Themen und Sachverhalte, von denen sie nicht die geringste Ahnung haben. Diese Meinungen sind dann nichts als Bullshit. Die Ermutigung zum Bullshit ist ein großer Fehler, eine zentrale Schwäche der Demokratie und auch eine große Gefahr. Es ist wirklich verheerend. (Cicero)

Voll der Provokateur. Aber es kommt noch dicker: Als der Interviewer zum akademischen Schwanzvergleich ansetzt und Habermas‘ herrschaftsfreien Diskurs ins Spiel bringt, lässt Frankfurt ihn eiskalt auflaufen:

John Maynard Keynes hat darauf hingewiesen, dass wir auf lange Sicht alle tot sein werden. Die Sache mit Habermas, ich weiß nicht recht. Es ist eine nette Idee, aber soweit ich sehe, entspricht sie einfach nicht unseren Erfahrungen. (Cicero)

Derlei rhetorische Manöver lernt man nur in Princeton, da bin ich sicher. Aber um noch einmal auf das erste Zitat zurückzukommen: Die Forderung ist, vereinfacht gesagt, dass man einfach die Fresse halten soll, wenn man keine Ahnung hat.1
Frankfurt sieht durch die in der Demokratie zugesicherte Freiheit, sich über alles eine Meinung bilden zu dürfen, die Wahrheit in Gefahr: Der Bullshitter schert sich im Gegensatz zum Lügner einen Dreck um die Wahrheit. Während Letzterer die Wahrheit als Faktum anerkennt, indem er sie leugnet, interessiert sich der Bullshitter gar nicht für die Wahrheit, weil er mit ihr nichts anfangen kann. Bullshit ist für Frankfurt also eine größere Gefahr für die Wahrheit als die Lüge.
Im Grunde beschreibt das ein ziemlich interessantes Problem. Die Tatsache, dass jeder eine Meinung haben darf, egal wie (un)qualifiziert sie ist, kann ja durchaus auch als eine große Stärke der Demokratie (und als Lebenselixier der Blogosphäre) interpretiert werden. Und überhaupt: Gibt es eigentlich „falsche Meinungen“? Und wenn ja, hat man das Recht auf eine falsche Meinung? Falls auch diese Frage bejaht wird: Hat man auch das Recht, auf den falschen Meinungen basierende falsche Entscheidungen zu treffen?
Ich will hier nicht bullshitten, aber im Gegensatz zu Frankfurt tendiere dazu, alle diese Fragen mit „Ja sichäää!“ zu beantworten. Wie immer auf diesem Blog ohne besondere argumentative Grundlage und aus dem Bauch heraus. Und weil ich meine Toleranz gegenüber falschen Meinungen gleich mal demonstrieren will, darf sich in den Kommentaren jeder seine eigenen Gedanken zu dem Thema machen. Ich bin gespannt.

  1. Wahrscheinlich ahnt er nicht, dass der Kabarettist Dieter Nuhr sein Publikum mit einer verblüffend ähnlichen Forderung amüsiert:

    Das ist so schrecklich, dass heute jeder Idiot zu allem eine Meinung hat. Ich glaube, das ist damals mit der Demokratie falsch verstanden worden: Man darf in der Demokratie eine Meinung haben, man muss nicht. Es wäre ganz wichtig, dass sich das mal rumspricht: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten. (Wikiquote)

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Spam kann auch witzig


So langsam werden sie warm.

Shut Down the Shutdown Day

Heute ist Shutdown Day.

Die Initiatoren des Shutdown Day bezeichnen ihre Aktion ohne überflüssige Bescheidenheit als „one of the biggest global experiments ever to take place on the internet“ und wollen damit angeblich herausfinden, wie viele Leute es schaffen, einen Tag lang ohne Computer auszukommen. (Telepolis)

kohlinski_01Zu diesem Anlass einige Surftipps von mir:
Prof. Dr. Dr. Dr. Helmut Kohl schreibt in der Welt über seinen Optimismus bezüglich der Entwicklung der EU.

Die Zeit präsentiert eine Bildergalerie über Rituale im Alltag von Ungläubigen. Fälschlicherweise werden Ungläubige hier mit Atheisten gleichgesetzt.

Matthias Küntzel schreibt auf Engage über seine Erfahrungen an der University of Leeds (sein Vortrag über Antisemitismus und Islam war kurzfristig abgesagt worden).

Brigitte Zypries will schmerzfrei sterben. Außerdem spricht sie mit der Zeit über das Recht auf Selbstbestimmung und die Pflicht der Ärzte.

Das Magazin Rund zeigt auf seiner Homepage Ausschnitte von Interviews mit Arsène Wenger und Jens Lehmann – ein Muss für Arsenal-Fans und Leser von Blogs von Arsenal-Fans.

Dritte Halbzeit für Lampard

Meinen Referern zufolge ist der (ziemlich Misslungene) Angriff eines Spurs-Fans auf Chelseas Frank Lampard auch hierzulande von Interesse. Deswegen will ich meiner Sorgfaltspflicht als Hofberichterstatter der Premier League nachkommen und kurz darauf hinweisen, dass die Football Association in der Sache ermittelt. Unter anderem sollen die Sicherheitsvorkehrungen von Tottenhams Stadion White Hart Lane überprüft werden.
lampzTottenham lässt auf seiner Homepage verlautbaren, dass der Fan ein lebenslanges Stadionverbot bekommt und der Fall in der nächsten Woche vor Gericht gebracht wird. Neben dem Spurs-Fan sei auch ein Chelsea-Fan auf den Rasen gelaufen, den Chelsea hoffentlich ebenso bestrafe.
Fat Frank, wie er von Feinden liebvoll genannt wird, sieht den Vorfall anscheinend gelassen:

I just ducked and the stewards got to him. The way he ran at me I think he‘d had a few drinks. I don‘t think he should have been on the pitch in the first place, but you can understand there’s a lot of emotion in a match like this. (Sky Sports)

Bevor zu viele Sympathien für Fat Frank aufkommen möchte ich hervorheben, dass er die Sache mit Sicherheit anders bewerten würde, wenn der Fan nicht an ihm vorbeigestrauchelt wäre und sich nicht binnen Sekunden sechs Chelsea-Spieler auf ihn geworfen hätten (auf den Spurs-Fan, nicht auf Lampard).1
Wenn ich schon einmal von diesem Spiel berichte sollte ich es nicht versäumen, auf die beiden fantastischen Tore von Shevchenko (offensichtlich langsam aber sicher wieder in Form) und Wright-Phillips hinzuweisen, die Chelsea den Einzug in das Halbfinale des FA-Cups gebracht haben. Dort werden die Blues auf Blackburn treffen und sich dann wohl zusammen mit ManU (momentan ebenfalls in beängstigender Form) im Finale wiederfinden.

Schön, dass Arsenal sich von jeglichem Pokalgeplänkel verabschiedet hat und sich erfolgreich auf die verbleibenden Ligabegegnungen konzentrieren kann… NICHT.

  1. Ich bin gespannt, welche Konsequenzen auf Drogba und Cole zukommen, die deutlich erkennbar auf den am Boden liegenden Übeltäter eingetreten haben. [zurück]

Hardcore

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